Wie Expert_innen in die Krise kommen – Oliver Ibert, Verena Brinks, Tjorven Harmsen (IRS)

Wie Expert_innen in die Krise kommen

14.03.2020

Oliver Ibert, Verena Brinks, Tjorven Harmsen sind Forscher_innen am Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung in Erkner.

Ihre Forschung beschäftigt sich mit der Räumlichkeit von Krisen, beispielsweise der Ausbreitung von Errergern. Das Forschungsprojekte ist Teil des Oberthemas »Konzepte der Krise«.

Was kennzeichnet eine Krise? Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen unterschiedlichen Krisen? Und wenn ja, kann man daraus Rückschlüsse darüber ziehen, an welchen Stellen im Verlauf einer Krise sich Möglichkeiten ergeben, um diese gut und nachhaltig zu lösen? Krisen enden nicht zwangsläufig in einer Katastrophe, sondern markieren vielmehr einen kritischen Moment und Wendepunkt, in dem man schnelle Entscheidungen treffen muss. Krisen können nicht objektiv festgestellt werden. Erst die Wahrnehmung einer Situation als Krise definiert sie. Krisen sind mit Stress verbunden, da es unter Zeitdruck eine als bedrohlich empfundene Situation zu entschärfen gilt. Erschwerend kommt hinzu, dass kein gesichertes Wissen darüber vorliegt, wie die Krise zu lösen ist. Das bedeutet, dass abseits von Routinen gehandelt werden muss.

 

Das Projekt „Resilienter Krisenumgang: Die Rolle von Beratung bei der Schaffung und Nutzung von ‚Gelegenheiten‘ in Krisenverläufen“, durchgeführt am Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS), hat zum Ziel, besser zu verstehen, wie Krisensituationen erfolgreich bewältigt werden können. Drei Krisenverläufe werden hierfür miteinander verglichen – eine wirtschaftliche Krise, eine Umweltkrise und eine politische Krise. Ein besonderer Fokus des Projektes liegt dabei auf der Frage, welche Rolle Expertinnen und Experten bei der Krisenbewältigung spielen. Hierzu gehören z. B. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die zur Bewältigung einer Situation um Rat gefragt werden. Was müssen sie über Krisen und über ihre eigene Rolle wissen, wenn sie als Beraterinnen und Berater in Krisen tätig sind? 

 

Raum und Zeit werden dabei als zentrale Faktoren zur Beantwortung der Forschungsfragen betrachtet, die in ihrer Zusammenführung Erkenntnisse für den praktischen Umgang mit Krisen liefern können. Die Bezüge der Krise zum Raum werden besonders deutlich, wo etwa von „Krisenregionen“ die Rede ist oder „Ansteckungsgefahren“ innerhalb und zwischen Branchen oder Industrien thematisiert werden (sog. „Spillover-Effekte“). Auch in Diskussionen um territoriale Zuständigkeiten für das Krisenmanagement tritt die räumliche Dimension hervor. Ziel der Forschung ist es, die Facetten von Räumlichkeit der Krise – als netzwerkförmige, topologische, territorial zugehörige oder skalierbare – auszuleuchten und deren Verbundenheit herauszustellen. Wenn die dramatische Situation überwunden ist, wird die Krise reflektiert und häufig in eine lineare Chronologie eingeordnet. In der Aufarbeitung spricht man dann z. B. von Warnsignalen, die zu spät erkannt oder zu lange ignoriert wurden. Dieser rekonstruierte Krisenverlauf ist zwar relevant, um nach der Krise Veränderungen vorzunehmen. Er lässt aber nur bedingt Rückschlüsse auf die Bewältigung der akuten Krise selbst zu, von der die Akteure überrascht werden. Im Projekt geht es um konkrete Situationen der Krisenbewältigung, etwa die Interaktion in einem Krisenstab. Eines der Ergebnisse ist, dass Krisen ihren Schrecken verlieren, wenn man sie als besondere Handlungskontexte der Entscheidungsfindung begreift. So zeigen gesammelte Interviews, dass Menschen, die beruflich mit vielen Krisensituationen zu tun haben, Krisen nicht unbedingt als furchterregend erleben, sondern als effektive „Bewältigungsstruktur“, die sinnvoll ist, wenn Entscheidungen schnell getroffen werden müssen, um Schlimmeres abzuwenden.

Fridays For Fairness – Darrel Moellendorf (Normative Orders)

Fridays For Fairness

08.02.2020

Darrel Moellendorf ist Klimaphilosoph im Froschungsverbund »Normative Orders« der Goethe-Universität Frankfurt am Main

Seine Forschung beschäftigt sich mit den Fragen der globalen Klimagerechtigkeit. Das Forschungsprojekte befindet sich an der Schnittstelle der beiden Oberthemen »Planet der Krise« sowie »Weltordnung in der Krise«.

Als die damals 15-jährige Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg 2018 zum ersten Mal vor dem schwedischen Parlament ihr Schild mit dem Slogan »Schulstreik für das Klima« hochhielt, folgte ihr eine ganze Generation junger Menschen und streikte, wie sie, jeden Freitag. Aber warum eigentlich ein Schulstreik für das Klima? Ist ein Streik nicht ein klassisches Mittel des Arbeitskampfes um soziale Gerechtigkeit? Die Forderungen der „Fridays for Future“-Bewegung rückten eine zentrale Einsicht ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit: Der Klimawandel bedroht zwar uns alle, nur eben nicht alle gleich. Eine Generation, die noch sorglos die Ressourcen der Erde verschwendet und in deren Vorstellung die Zukunft nur besser werden konnte, wird von den Folgen des Klimawandels nicht mehr viel mitbekommen. Mit diesen Folgen wird aber genau jene Generation zu kämpfen haben, die jetzt durch den Streik Gerechtigkeit für ihre Zukunft auf diesem Planeten fordert.

 

Dass andere die Rechnung unseres unnachhaltigen Lebens werden zahlen müssen, ist Kern der Forschung des Klimaphilosophen Darrel Moellendorf. Sein normatives Konzept der Klimagerechtigkeit betrachtet die Krise des anthropogenen Klimawandels als ethisches und politisches Problem statt lediglich als ökologische oder technisch-lösbare Herausforderung. Generationsgerechtigkeit ist hierbei nur ein Aspekt, der eine neue Komplexität in unseren Begriff sozialer Gerechtigkeit in Bezug auf den Klimawandel einschreibt. So gibt es einen sozialen Ausgleich bisher nur innerhalb einer Verbindung von rechtlichen Institutionen und Politiken: innerhalb von Staaten. Der Klimawandel stellt diese begrenzte Gerechtigkeit in Frage. Der Klimawandel kennt keine nationale Grenzen. Und dennoch werden diese Grenzen bedeutsam: Menschen, die im Ganges-Delta oder in Manhattan leben, teilen dasselbe Risiko, von Überflutungen durch den steigenden Meeresspiegel betroffen zu werden. Was sie jedoch nicht teilen, ist die Verwundbarkeit durch die verursachten Schäden. Das Ganges-Delta ist durch einen hohen Armutsgrad bestimmt, Infrastrukturen, um Katastrophen entgegenzutreten, sind schwach ausgeprägt und kaum geschützt. Obwohl also der Klimawandel alle betrifft, trifft er die Schwächsten doch am härtesten.

 

Wenn Bürgerinnen der USA ihre Klimaanlage einschalten oder wenn Europäer Autos fahren, die durch fossile Brennstoffe betrieben werden, dann haben diese Handlungen – unsere Handlungen – Konsequenzen. Konsequenzen, die uns im globalen Maßstab mit ländlichen Dorfgemeinden in Bangladesch, mit Bauern in Äthiopien und Slumbewohnern in Haiti verbinden. Daraus folgt eine komplizierte Verantwortung. Offensichtlich ist die Frage, wer für die Kosten des Klimawandels aufkommen wird – inklusive der Kosten, sich an diesen anzupassen – eine Frage globaler Gerechtigkeit. So geht Moellendorf von der Annahme aus, dass die Erdatmosphäre – inklusive ihrer Fähigkeit, CO2 zu absorbieren – ein Gemeingut ist, für das die Menschheit eine besondere Verantwortung trägt.

Aber wer ist eigentlich verantwortlich? Das CO2 in der heutigen Atmosphäre wurde von unseren Großeltern ausgestoßen. „Wer’s verschmutzt, muss auch bezahlen“ – so lautet das „polluter-pays“-Prinzip. Nur wussten die Menschen es damals nicht besser. Und wer sollte überhaupt proportional zur Verschmutzung vorheriger Generationen zahlen? Der Staat, der dies ermöglichte, oder die Einzelnen, die auch heute noch davon profitieren? Darüber hinaus sind Entwicklungsländer auf eine Erhöhung ihrer Treibhausgasemission angewiesen, um sich wirtschaftlich entwickeln zu können. Das „ability-to-pay“-Prinzip schlägt daher einen anderen Weg vor. So sollten diejenigen Staaten finanziell einspringen, die es sich leisten können, die Schwächeren zu unterstützen. Aber wer organisiert und bestimmt diese Verantwortung und in welchem Umfang? Beide Prinzipien haben Stärken und Schwächen, welche die Fragen der Klimagerechtigkeit verkomplizieren.

„Is there no alternative?“ – Frank Bösch, Rüdiger Graf, Irmgard Zündorf (ZZF)

»Is there no alternative?«

05.02.2020

Frank Bösch, Rüdiger Graf und Irmgard Zündorf sind Forscher_innen am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam.

Ihre Forschung beschäftigt sich mit dem Krisenbegriff und der Konstruktion historischer Krisenszenarien. Insbesondere das Jahr 1979 als »Zeitenwende« steht im Fokus. Die Forschungsprojekte sind Teil des Oberthema »Konzepte der Krise«.

Tagein, tagaus dieselben Nachrichten, nein, nicht dieselben, nur die gleichen: Kriege, Konflikte, Attentate, ein Öltanker ist in Seenot, ein Flüchtlingsboot tut es ihm nach. Ein Wald brennt ab – doch wo nochmal genau? Und Großbritannien – sind die immer noch an Bord? Ertrinkend und erstickend findet man sich oft inmitten einer Flut von beunruhigenden Nachrichten dieser Welt. Die Frage, ob man mit Abstumpfung oder Aktivierung reagieren darf oder soll, stellt sich jedem mehrfach täglich aufs Neue.

Wie der Historiker Rüdiger Graf erläutert, definierte der klassische Krisenbegriff die Gegenwart als Entscheidungssituation, in der menschliches Handeln gefordert war, um die drohende Katastrophe zum Guten zu wenden. Während dieses Verständnis in den inflationären Krisendiagnosen der 1920er- und 1930er-Jahre dominierte, änderte sich dies in den 1970er-Jahren, als die Fähigkeit zur aktiven Zukunftsgestaltung skeptischer bewertet wurde. Im Angesicht komplexer globaler Energie- und Umweltkrisen verlor der Krisenbegriff seine Bedeutung als Durchgangsstadium auf dem Weg in eine bessere Zukunft. Ausstieg aus dem technischen Fortschritt schien für einige die einzig denkbare Lösung zu sein.

 

Beide Extreme – totale Ohnmacht und bedingungsloser Fortschrittsoptimismus – sind natürlich einseitig gedacht. Das Potential einer Krise liegt jedoch darin, aus ihr heraus eine eigene Sprache zu entwickeln, die das Private wie das Öffentliche berührt. Im Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam geht man davon aus, dass erst in Erzählungen die Komplexität von Ereigniszusammenhängen so reduziert und zugespitzt wird, dass sie zur „Krise“ werden können. Um diese zu bewältigen, gilt es Wahrnehmungsverschiebungen zu dekonstruieren und, im Diskurs unter Expert_innen wie in der breiten Öffentlichkeit, Richtungsentscheidungen zu prüfen. Dabei ist einzubeziehen, wie auf frühere ähnliche Krisen reagiert wurde, um bewährte Methoden und neue Wege abzuwägen.

 

Krisen, so der Historiker Frank Bösch, gibt es nie ohne öffentliche Wahrnehmung einer als fundamental bedrohlich angesehenen gesellschaftlichen Herausforderung, die grundlegende Entscheidungen unter Zeitdruck abverlangt. Wie unterschiedliche globale Krisen interagieren und sich beeinflussten, untersuchte er in einem jüngst publizierten Buch anhand von Krisen im Jahr 1979, deren Zusammenspiel in vielen Teilen der Welt eine „Zeitenwende“ bildete: Die iranische Revolution und die Aufnahme der Boat-People aus Vietnam; die grundlegenden Reformen in China, das sich seitdem zur globalen Handelsmacht entwickelte; die Proklamierung der Alternativlosigkeit neoliberalen Denkens durch Margaret Thatcher im Zuge der Weltwirtschaftskrise, ebenso wie die Verbreitung ökologischer Positionen mit den Grünen, nicht zuletzt in Folge eines Atomkraftunfalls und der zweiten Ölkrise.

Die Spannungen zwischen Kapitalismus und Umweltbewusstsein, Weltbürgertum und regionaler Zu-Hause-Mentalität, Säkularisierung und religiöser Spaltung treten bereits hier deutlich hervor. Nach der Krise der Europäischen Einigung Mitte der 1970er-Jahre erfuhr auch diese zum Ende der 70er-Jahre einen Schub durch die ersten Europawahlen und das Europäische Währungssystem. Insofern zeigt der Blick zurück Handlungsspielräume, die aus Krisen entstehen: Die Ereignisse nicht als Einzelfälle, sondern als Zusammenhang zu begreifen, ist eine Aufgabe, die sich umso mehr in einer kommunikativ so umfassend vernetzten Gesellschaft wie der unseren auch als Chance stellt.

Welche Weltordnung? – Nicole Deitelhoff & Lisbeth Zimmermann (HSFK)

Welche Weltordnung?

31.01.2020

Nicole Deitelhoff und Lisbeth Zimmermann sind Forscherinnen der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung.

Ihre Forschung beschäftigt sich mit einer Wahrgenommen Krise der liberalen Weltordnung. Hierzu analysieren sie, ob Normen in einer Krise tatsächlich geschwächt werden, oder ob die Diskussion um diese Normen sie nicht vielmehr stärkt. Das Forschungsprojekt ist Teil des Oberthema »Weltordnung in der Krise«.

Schon seit längerem schreien es die Schlagzeilen von den Titelblättern: Die liberale Weltordnung, heißt es, befindet sich in einer ernsten Krise. Nationale Interessen rücken in den Vordergrund, die regelbasierte Ordnung wird relativiert. Die Abkehr von multilateralen Kooperationen ist ein sichtbares Symptom. Handlungsbeziehungen werden zu Handelskriegen und zivilgesellschaftliches Engagement wird eingeschränkt. Doch ist diese Situation wirklich als Krise zu beschreiben? Wie lässt sich über die verschärfte Situation liberaler Organisationsformen jenseits medialer Rhetorik sprechen? An welchen Daten und Ereignissen soll man die Stabilität des gemeinsamen Normensystems festmachen?

 

Anhand von Protokollen etwa aus der UN Generalversammlung oder dem UN Sicherheitsrat, Interviews und Recherche in Sekundärliteratur unterscheiden Nicole Deitelhoff und Lisbeth Zimmermann zwei Formen der Hinterfragung von Normen, die nicht automatisch zu deren Schwächung führen müssen: So meint eine Anwendungskontestation den Konflikt über konkrete Situationen, in denen eine Norm angewendet werden könnte oder nicht, sowie über die Art und Weise, in der dies geschehen soll. Eine solche Hinterfragung kann zur Präzisierung und Erweiterung des Geltungsbereichs und somit zur Stärkung der Norm führen. Dies ist zu beobachten im Fall der „Responsibility to Protect-Norm“. Diese formuliert eine Pflicht für Staaten, die Einhaltung von Menschenrechten im eigenen ebenso wie in anderen Staaten zu garantieren, zu unterstützen und, im Notfall militärisch intervenierend, durchzusetzen. Auch wenn gestritten wird, in welchen Situationen die R2P-Norm anzuwenden ist, ist ihre Gültigkeit weitgehend unbestritten.

Eine Begründungskontestation dagegen zieht den Kern der Norm selbst als einhaltungs- und durchsetzungswürdigen in Zweifel und führt tatsächlich oft zu dessen Schwächung. Am Beispiel des Walfangverbots lässt sich zeigen, dass eine solche Dynamik häufig durch mangelnde Kommunikation bedingt ist. So wurde das Verbot zunächst als Moratorium beschlossen, das solange in Kraft bleiben sollte, bis die Walpopulationen sich „erholt“ hätten. Da jedoch in der Zwischenzeit immer mehr gegen den Walfang sich wendende Staaten in der Internationalen Walfangkommission verhinderten, dass eine Neuverhandlung des Anwendungsrahmens für kontrollierten Walfang überhaupt auf die Agenda kommen konnte, wurde das Verbot verstärkt als post-koloniales Instrument empfunden. Die Bereitschaft einzelner Nationen, denen Einfluss und Stimme verwehrt wurde, die Norm anzuzweifeln und zu ignorieren, stieg erheblich an.

 

Normen müssen zerfallen und sich wandeln können, um sich dem gelebten Alltag anzupassen. Wichtig bleibt die Zugänglichkeit für alle Betroffenen zu einem ergebnisoffenen Diskurs, der aus Zustimmung und Ablehnung, aus Protest und Beifall, aus Rechtfertigungen und Anschuldigungen besteht. Normen, die nicht hinterfragt werden dürfen, deren Diskussion vielleicht gar unterdrückt wird, ohne dass Gegenargumente Gehör fänden, laufen Risiko, von (absichtlich) übersehenen Akteuren auch (absichtlich) übertreten zu werden.

Genauso schaden ausbleibende Reaktionen auf Verstöße einer multiperspektivischen Verständigung über Normen und ihre jeweiligen Geltungsbereiche. So schwindet etwa das Bewusstsein für die Tatsache, dass eine Norm verletzt wird, im „Kampf gegen den Terror“, wie er von den USA oder auch Israel, teils unter Missachtung des Verbots politischer Attentate in Friedenszeiten und des Angriffs auf Zivilisten, geführt wird. Der bloße Fokus auf die eigene Position geht oft mit einer Art „Betriebsblindheit“ einher: Übertretungen werden akzeptiert, sofern dies eine Entlastung der eigenen Außenpolitik von unliebsamen Entscheidungen bedeutet. 

Ein äußerlich auferlegter Konsens jedoch, der nur in eine Richtung blickt, wird leicht taub für die Produktivität des Dissenses zwischen unterschiedlichen Interessen und auch Weltordnungsmodellen. Nur ein solcher Dissens vermag es, Normen als temporär fixierte Zwischenergebnisse einer Verständigung lebendig und beweglich zu halten.

Es geht ums Überleben – Peer Illner (Normative Orders)

Es geht ums Überleben

29.01.2020

Peer Illner ist Forscher des Forschungsverbund »Normative Orders« der Goethe-Universität Frankfurt a. M.

Sein Forschungsprojekt beschäftigt sich mit neoliberaler Sparpolitik und den gesellschaftlichen Krisen, die aus falschem Katastrophenmanagement  entstehen können. Das Forschungsprojekt ist Teil des Oberthema »Handeln in der Krise«.

Wenn die Welt untergeht, die Sturmflut über das Land bricht und der Weltmarkt kollabiert, sollte man vorbereitet sein: Survival Kits und Überlebensratgeber versprechen fachkundige Vorbereitung auf den Ernstfall. Selbstorganisation ist die Losung der Stunde. Während in den Kreisen der sogenannten „Prepper“ mitunter ein politisch eher rechtsorientierter Rückzug auf das einzelne Individuum im „Kampf ums Überleben“ propagiert wird, versteht sich ein zweiter Strang der „Reaktionsbereiten“ angesichts des ökologischen und ökonomischen Ernstfalls ausdrücklich sozial engagiert. Nicht zuletzt die digitalen sozialen Netzwerke erleichtern hierbei oft die Koordination großflächig angelegter Hilfsaktionen. Aus einer kleinen Gruppe zerstreuter Helfer_innen kann so, über Nacht oder in wenigen Stunden, ein überwältigendes Zeichen der Solidarität entstehen.

 

Während die Katastrophenhilfe im frühen 20. Jahrhundert in staatlicher Verantwortung lag, wird sie heute mehr und mehr zivilgesellschaftlichem Engagement überlassen. Diese Entwicklung hat jedoch nicht nur positive Seiten. Die Bedeutung spontan sich formierender Hilfsaktionen ehrenamtlich tätiger Bürgerinnen und Bürger ist eine ambivalente Errungenschaft. Die Krise stellt uns vor ein Dilemma: Einerseits gibt es immer mehr Bürgerinitiativen, welche sich für die Daseinsvorsorge der Menschen engagieren und den Zusammenhalt in der Gesellschaft fördern können. Sind viele dieser Initiativen zwar erfolgreich, so legitimieren sie jedoch gleichzeitig den Rückzug des Staates aus der sozialen Vorsorge, indem sie beweisen, dass die Menschen auch selbstorganisiert überleben können. Dieses Problem findet sich in diversen gesellschaftlichen Bereichen, in denen Bürgerinitiativen ehemalige Staatsaufgaben übernehmen, von der Organisation gemeinschaftlich verwalteter Kitas in Polen bis hin zur Flüchtlingsrettung im Mittelmeer.

 

Seit Anfang der 1970er-Jahre werden die industriellen Staaten von immer neuen Schüben der Weltwirtschaftskrise heimgesucht. Als Antwort auf die schnell fallenden Profite in der Schwerindustrie und den Kollaps der Ölpreise entkoppelte Präsident Nixon 1971 den US-Dollar vom Goldstandard und knüpfte ihn an die spekulativen Gewinne des Aktienmarktes. Seitdem leben wir in der Ära des Finanzkapitals, in der krisengebeutelte Staaten regelmäßig große Summen Geld in die Abfederung der Banken investieren. Um ihr Finanzdefizit auszugleichen, schrauben ebendiese Staaten seit den 1970er-Jahren ihre Sozialausgaben erheblich zurück. Wir erleben also die Krise hauptsächlich als eine Welle der Austerität, d. h. einer Verknappung der Staatsausgaben für die menschliche Daseinsvorsorge vom Gesundheitswesen über die Ausbildung bis hin zur Altersvorsorge.

Von einem kreativen Potential der Krise ist daher nur dann zu sprechen, wenn soziale Initiativen nicht nur palliativ arbeiten um die Symptome der Krise zu lindern, sondern effektive Wege finden, um die Ursprünge der Krise – also letztlich den Staat und dessen Umgang mit dem Kapital – nachhaltig anzugreifen und zur Transformation zu zwingen.

 

Unser Umgang mit dieser Krisendynamik hängt von der aktuellen politischen Situation ab. Seit den 1970er-Jahren erleben wir vor allem das spektakuläre Scheitern neoliberaler Lösungsversuche der Krise. Ob sich in den nächsten Jahren alternative, linke Wege aus der Krise finden lassen, ist dabei offen.

Virtuell und ganz real: Radikalisierung als gesellschaftlicher Prozess – Hande Abay, Julian Junk, Manjana Sold (HSFK)

Virtuell und ganz real:
Radikalisierung als gesellschaftlicher Prozess

25.01.2020

Hande Abay, Manjana Sold und Julian Junk sind Forscher*innen am Leibniz-Institut Hessische Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung (HSFK).

Der Projektverbund PANDORA untersucht gewaltförmige Diskurse in sozialen Medien und deren Effekte auf Radikalisierungsprozesse in extrem rechten und in salafistisch-dschihadistischen Milieus. Es ist ein eigenes Oberthema der Ausstellung: »Radikalisierung – Die Krise des gesellschaftlichen Zusammenhalts«.

Politische wie religiöse Radikalisierung sind zu einem Dauerthema für Medien, Politik und Bevölkerung geworden. Soziale Medien haben sich zu einem Ort teils aggressiver Austragung gesellschaftlicher Konflikte entwickelt und werden auch zur Mobilisierung und Propaganda genutzt. Der Projektverbund PANDORA untersucht gewaltförmige Diskurse in sozialen Medien und deren Effekte auf Radikalisierungsprozesse in extrem rechten und in salafistisch-dschihadistischen Milieus. Dabei fokussiert das Projektteam des Leibniz-Instituts Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung das salafistische Milieu. Ziel der Analyse von Facebook-Accounts und Telegram-Kanälen ist es, Dynamiken von Online-Radikalisierung nachzuzeichnen. Milieustudien von realen Gruppen in Berlin und Braunschweig identifizieren zusätzlich die sozialen und politischen Kontexte, die Radikalisierung begünstigen oder auch verhindern.

 

Unter Radikalisierung versteht das Team die zunehmende Infragestellung der Legitimation einer normativen Ordnung und/oder die wachsende Bereitschaft, deren institutionelle Strukturen zu bekämpfen. Dass heute Radikalität, d. h. die Absicht, politische Probleme „an der Wurzel zu packen“, primär mit links- und rechtsextremen Positionen, religiösem Fanatismus und Gewalt in Verbindung gebracht wird, sagt viel über die Krisenwahrnehmung unserer Zeit aus: Liberale Gesellschaften sehen ihre Ordnung vielfältigen Bedrohungen ausgesetzt und reagieren mitunter mit Abschottung. Sowohl im politischen Diskurs als auch in der Forschung dominiert dabei das Modell einer „Radikalisierung in die Gewalt“, also der zunehmenden Zuspitzung einer Einstellung bis zur Gewalttätigkeit. Doch allzu große Konzentration auf Gewaltbereitschaft als Kennzeichen von Radikalisierung verdeckt zweierlei:

Erstens enden viele Radikalisierungsprozesse nicht in Gewalt, verlaufen nicht linear, sie brechen ab. Dass sich die Einstellungen eines Individuums in einer Lebensphase verschärfen können, bedeutet nicht unbedingt, dass es sich hier um eine biografische „Einbahnstraße“ handelt. Vielmehr sind solche Prozesse wichtiger Teil der Entwicklung von Persönlichkeit, in Abgrenzung und in Annäherung an bestimmte Gruppen und Weltanschauungsmodelle. Der Projektverbund PANDORA versteht daher Radikalisierung als Prozess, der auch eine Umkehrbarkeit in Richtung De-Radikalisierung beinhaltet. 

Zweitens ist ein gewisses Maß an Radikalität in pluralen Demokratien notwendig für Innovation und Veränderung. Der Übergang zu einer problematischen Radikalisierung ist nicht immer leicht zu bestimmen. Eine zu starke Fokussierung auf die Gewaltförmigkeit von Radikalisierung kann zur Stigmatisierung von Bevölkerungsgruppen führen und tendiert dazu, sicherheitspolitische Maßnahmen gegenüber umfassender Prävention zu betonen. Das Projekt geht daher von einem weiten Radikalisierungsbegriff aus. Dieser umfasst Phänomene der „Radikalisierung ohne Gewalt“, die Schnittmengen mit dem politischen Aktivismus teilen.

 

Eine wichtige Erkenntnis aus dem Forschungsprojekt ist, dass virtuelle und realweltliche Umgebungen in Radikalisierungsprozessen stets miteinander verknüpft sind. Soziale Medien bieten häufig ein Umfeld für erste Kontakte mit radikalisierten Ideologien, eine Plattform für wechselseitigen Austausch in – mit zunehmender Radikalisierung meist geschlossenen – Gruppen, in denen Akteure nicht selten unter Decknamen aktiv sind. Für den weiteren Radikalisierungsprozess aber ist meist die Anbindung an realweltliche radikale Milieus, Gruppen oder Schlüsselpersonen ausschlaggebend. Präventionsmaßnahmen müssen diesem komplexen Zusammenspiel zwischen Online- und Offline-Dynamiken gerecht werden und deshalb eine Vielzahl von Maßnahmen umfassen.

Dicke Luft zum Atmen – Honey Alas, Leizel Madueño, Simonas Kecorius, Alfred Wiedensohler (TROPOS)

Dicke Luft zum Atmen

20.01.2020

Honey Alas, Leizel Madueño, Simonas Kecorius und Alfred Wiedensohler sind Forscher*innen am Leibniz-Institut für Troposphärenforschung

Ihr Forschungsprojekt beschäftigt sich mit der Luftverschmutzung durch Ruß und Feinstaub in der Metropolregion Manila. Es ist Teil des Oberthemas »Planet in der Krise«.

Wir leben in einer von wirtschaftlichen Interessen und festgefahrenen Gewohnheiten geprägten Zeit, in der chemische Produktionsverfahren aus Erdöl und Erdgas unseren Alltag und Konsum bestimmen. Fossile Energieträger, die durch die Millionen von Jahren währende Transformation abgebauter toter Pflanzen und Tiere entstanden sind, finden sich fast überall: Von der Seife bis zum Autolack, vom Waschmittel bis zum Joghurtbecher werden zahlreiche Produkte auf Mineralölbasis hergestellt. Der Erderwärmung entgegenzutreten, bedeutet also, den eigenen Lebensstil bis ins Detail zu hinterfragen – nicht jeder, der kein Auto hat, lebt automatisch „klimaneutral“.

 

Dennoch steuern die Abgase unserer komfortabel motorisierten Benzinfahrzeuge einen entscheidenden Anteil der Treibhausgasemissionen und unmittelbaren Schadstoffbelastung für unsere Gesundheit bei. In weniger wohlhabenden Volkswirtschaften gibt es kaum Emissionsvorschriften, mitunter werden sogar gebrauchte Dieselmotoren, die noch einer Vor-Euro-4-Norm angehören, im öffentlichen Verkehr eingesetzt. Eine der wichtigsten Quellen der Luftverschmutzung in den sich entwickelnden Megastädten Südostasiens sind etwa dieselbetriebene Pkw und Lkw. Mehr als ein Viertel der z. B. auf den Philippinen zugelassenen Fahrzeuge befindet sich in Metro Manila, wo die Verunreinigung durch schwarzen Kohlenstoff einen besonders negativen Einfluss auf die menschliche Gesundheit nimmt.

Ziel der Forschung am Leibniz-Institut für Troposphärenforschung ist es, die Dosis der in den Atemwegen abgelagerten Ruß-Partikel bezogen auf den Großraum der Megacity Metro Manila zu bewerten. Im Vergleich zu früheren Studien war die berechnete Ablagerungsdosis der gesamten feuerfesten Partikelzahl in Metro Manila bis zu 17 mal höher als die aus Europa und den USA gemeldeten Werte. Es ist daher zu vermuten, dass die Bevölkerung dieser Megacity mit einer erhöhten Sterblichkeit aufgrund von Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen konfrontiert sein könnte, wenn die Emissionen von schwarzem Kohlenstoff unkontrolliert bleiben. Ziel sollte daher sein, über eine Überprüfung der Richtwerte insbesondere in Entwicklungsländern die verkehrsbedingten BC-Emissionen zu reduzieren.

Zudem zeigte die Studie, dass Bewohner_innen wohlhabender Viertel einer viel geringeren Schadstoffkonzentration ausgesetzt sind als die übrige Bevölkerung. Auch der Grad der Luftverschmutzung ist also abhängig von sozialen Unterschieden zwischen verschiedenen Wohngegenden und Arbeitsumgebungen. Neben der Entwicklung emissionsärmerer Fahrzeuge sollte es daher Ziel sein, einzelne Mikroumgebungen, etwa an stark befahrenen Straßen, durch Grünflächen aufzuwerten, um die Luftqualität zu verbessern.

 

Die Forschung zu und Optimierung von Technologien, etwa im Bereich der Mobilität, ist daher genauso unverzichtbar wie eine selbstkritische Selbstbefragung: Was bedeuten Komfort, Freiheit und Selbstverwirklichung für uns – und wie viel haben diese Vorstellungen mit Konsum, von Raum und Energie, zu tun? Wie wichtig ist Verzicht – und wie bedeutsam die Suche nach Alternativen für einen bewussteren Umgang mit Ressourcen, die nicht unsere eigenen, sondern immer auch die der anderen sind? Gesellschaftliche und ökologische Systeme existieren stets in einem Mit- und Ineinander. Die Lebensqualität einer Gruppe von Menschen, einer Region oder eines Viertels, zu steigern, bedeutet daher immer auch, diese im Wechselverhältnis mit den Lebensweisen und Lebensräumen vieler anderer zu sehen. 

Landwirtschaft nach dem Arabischen Frühling – Linde Goetz und Osama Ahmed (IAMO)

Landwirtschaft nach dem Arabischen Frühling

15.01.2020

Linde Goetz und ihr Kollege Osama Ahmed sind Forscher am Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO)

Ihr Forschungsprojekt beschäftigt sich mit dem Handel von Weizen auf dem Weltmarkt, Ressourcenknappheit und nachhaltiger Landwirtschaft. Es ist Teil des Oberthemas »Planet in der Krise«.

Exportierte Nahrungsmittel sind weltweit so begehrt wie krisenhaft, bedenkt man die Belastung, die sie für unser Ökosystem bedeuten. Tatsächlich benötigt Deutschland knapp das Doppelte der eigenen Landesfläche in anderen, häufig ärmeren Ländern, um seinen Bedarf an Agrarprodukten zu decken. Auch die wachsende Nachfrage an Fleisch oder Bio-Sprit in Industrie- und Schwellenländern verbraucht große Mengen an Getreide, Wasser und Bodenfläche, so dass Lebensmittelpreise in die Höhe schießen.

 

Besonders hart treffen solche Dynamiken jene Länder, die durch politische Unruhen ohnehin bereits geschwächt und anfällig für wirtschaftliche Einbrüche sind. So wurden im Zuge der Proteste im arabischen Frühling, 2011 und 2013, in Nordafrika und insbesondere Ägypten verstärkt etablierte Wirtschaftsstrukturen und Handelsbeziehungen zerstört. Das zuvor anhaltende Wirtschaftswachstum wurde jäh gestoppt und kehrte sich um. Die Arbeitslosigkeit stieg an auf 12,5%, etwa ein Drittel der Bevölkerung leidet unter akuter Armut.

Um die ägyptische Wirtschaft wieder auf den Wachstumspfad zu bringen, wurden umfassende wirtschaftliche Reformen durchgeführt. Dazu zählte die Aufgabe der Wechselkursfixierung, mittels derer der Preis des ägyptischen Pfunds künstlich hochgehalten worden war. Mit dem Übergang zum freien Wechselkurs verlor die ägyptische Währung dramatisch an Wert, was mit einer starken Nahrungsmittelinflation einherging, ist Ägypten doch auf diesem Sektor besonders importabhängig. Teuer wurde vor allem der Weizen bzw. das Brot als Grundnahrungsmittel des Landes. Auch die Preise für Düngemittel und Benzin stiegen immens, was für Bauern zunehmend Probleme bereitet – nicht zuletzt da im Rahmen von Strukturanpassungsprogrammen landwirtschaftliche Subventionen abgeschafft wurden. Hinzu kommen Ernteeinbußen durch Dürren, die in den letzten Jahren in Ägypten zugenommen haben. Die Bodenqualität leidet in Folge übermäßiger Bewässerung und Anwendung chemischer Pflanzenschutzmittel. Viele Landwirte produzieren daher wegen hoher Produktionskosten weniger Weizen. Folglich muss mehr Weizen teuer importiert werden. Viele Haushalte haben darum mittlerweile ihre Nahrungsmittel durch qualitativ niedrigerwertige ersetzt und müssen ohnehin einen Großteil ihres Einkommens für Nahrungsmittel ausgeben. 

 

Um dieser Krise entgegenzutreten, sind ökonomische Reformen essentiell. So können etwa ein planvoller Abbau von Subventionen oder die Abwertung der Währung Investitionsanreize schaffen und die Märkte stabilisieren. Zudem gilt es Reformen so durchzuführen, dass diese nicht erneute Umwälzungen in der Region auslösen. Hierbei kommt Nahrungsmittelpreisen eine entscheidende Rolle zu. Um der Preisinflation entgegenzuwirken, muss die Selbstversorgung durch gesteigerte Effizienz der landwirtschaftlichen Produktion verbessert werden. Dies lässt sich etwa erreichen durch eine Optimierung von Fruchtfolgen, d. h. einen zyklisch wechselnden, aufeinander abgestimmten Anbau verschiedener Nutzpflanzen auf einer Fläche, die Reduzierung von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln sowie verbesserte Bewässerungssysteme. Ziel ist es, durch einen auch auf digital gestützte Systeme zurückgreifenden „Präzisionsackerbau“ Erträge zu steigern und Produktionskosten zu senken. Hierzu gehört auch die Verhinderung von Verlusten nach der Ernte durch verbesserte Lagerungsmöglichkeiten. 

»Staatenclub« oder Diskussionsforum? – Stefan Kroll (PRIF)

»Staatenclub« oder Diskussionsforum?

12.01.2020

Stefan Kroll ist wissenschaftlicher Koordinator des Leibniz-Forschungsverbundes »Krisen einer globalisierten Welt« sowie Forscher am Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktfroschung

Sein Forschungsprojekt beschäftigt sich mit der Gruppe der 20 (G20) als Instrument der Krisenbewältigung und ist Teil des Oberthemas »Handeln in der Krise«.

Die Gruppe der 20 (G20), ist ein Zusammenschluss der – so wird es oft wiedergegeben – 20 »wichtigsten« Industrie- und Schwellenländer. Bis 2008 handelte es sich um ein Kooperationsformat vor allem für Fragen des internationalen Wirtschafts- und Finanzsystems, im Rahmen dessen sich die jeweiligen Fachminister_innen trafen. Im Zuge der globalen Finanzkrise wurde dieses in ein Forum überführt, in dem sich die Staats- und Regierungschefs der jeweiligen Mitglieder treffen. Dies hatte zur Folge, dass im Rahmen der Gipfel nicht nur über ökonomische Fragen diskutiert wurde, sondern auch über andere Themen wie z. B. Migration, Energie, Arbeit, Ernährungssicherheit, Klima und weitere.

 

Obgleich die G20 sich im Rahmen ihrer Rolle während der globalen Finanzkrise als ein Forum zur »Krisenbewältigung« besonderes bewährt hatten, wurde im Zuge der inhaltlichen Erweiterung auch ihre Rolle als »Global-Governance-Institution« jenseits der Krisenbewältigung hervorgehoben. Diese Frage nach der eigentlichen Rolle der G20 wurde bis in die jüngere Vergangenheit diskutiert, wird gegenwärtig aber überlagert von der Krise des Multilateralismus insgesamt, die auch die Arbeit und die Zukunft der G20 bestimmt: Konflikte über Fragen des Handelsprotektionismus oder der Klimapolitik wurden zuletzt vor allem auch hier ausgetragen.

 

Die G20 sind insofern ein besonderes Forum, als es sich nicht um eine internationale Organisation handelt, die auf Grundlage eines Vertrags besteht und deren Beschlüsse rechtlich verpflichtend sind. Die G20 sind in diesem Sinne ein informelles Format, das eine hohe Flexibilität aufweist. Zugleich stellt sich aber auch die Frage der Legitimation eines solchen Forums, das wesentliche internationale Entscheidungen trifft oder begleitet, zugleich aber ein exklusiver »Staatenclub« ist, dem nicht einfach so beigetreten werden kann. Diese Frage ist umso drängender, weil es insgesamt in der internationalen Politik eine Tendenz hin zu informellen Kooperationsformen gibt und es klärungsbedürftig ist, ob diese eher den schwachen oder den stärken Staaten nützen und inwiefern sie formelle Kooperationen und die regelbasierte Ordnung stützen, ergänzen oder auch unterminieren.

 

Ausgehend hiervon befasst Stefan Kroll sich in seinen Arbeiten mit der grundsätzlichen Frage, welche Art von Normativität und Bindungswirkung die Beschlüsse der G20 kreieren bzw. wie diese mit rechtlichen Verpflichtungen interagieren. Darüber hinaus untersucht er im Rahmen eines neueren Vorhabens, wie die Kooperation in den G20 dazu beiträgt, Klimaveränderungen als Krise wahrzunehmen – oder eben nicht – und welchen Beitrag dies für die internationale Klimapolitik bedeutet.

Dem Klima trotzen – Jacob Schewe (PIK)

Dem Klima trotzen

09.01.2020

Jacob Schewe ist Forscher am Potsdam Institute for Climate Impact

Sein Forschungsprojekt beschäftigt sich mit der vom Klimawandel ausgelösten Migration und ist Teil des Oberthemas »Planet in der Krise«.

 

Klima bewegt – es sorgt für Turbulenzen in der Tagespolitik, bringt Menschen auf die Straße, lässt Standpunkte aufeinanderprallen und macht uns bewusst, wie rasant wir uns auf eine Zukunft zubewegen, in der vieles nicht mehr so sein wird, wie optimistischer Fortschrittsglaube uns vielleicht noch vor wenigen Jahrzehnten suggerierte. Tatsächlich steht jedoch nicht nur die Zukunft auf dem Spiel. Schon in der Gegenwart müssen wir uns als Gesellschaft und als Spezies damit konfrontieren, dass in zahlreichen Regionen der Erde die Lebensqualität entscheidend unter klimatisch zugespitzten Bedingungen, unter Wasserknappheit und Sturmfluten leidet.

Der Klimawandel, vom dem besonders akut die Bevölkerungen in Subsahara-Afrika, Südasien und Lateinamerika betroffen sind, treibt die Migration, auch innerhalb einzelner Länder, voran. Migration kann dabei eine sinnvolle Anpassung an den Klimawandel sein, sofern sie politisch verantwortungsvoll begleitet wird. Viele städtische und periphere Gebiete müssen sich auf einen Zustrom von Menschen vorbereiten, d. h. für bessere Wohnungs- und Verkehrsinfrastruktur, für Sozialdienste und Beschäftigungsmöglichkeiten sorgen. Genauso aber werden klimabedrohte Gebiete weiter eine große Anzahl von Menschen zu versorgen haben. Dies erhöht den Bedarf an Entwicklungsstrategien zur Unterstützung der Menschen vor Ort.

 

Um das Zusammenspiel zwischen der Durchsetzung von Emissionsbeschränkungen und Entwicklungsmaßnahmen möglichst realistisch, mit Fokus auf die Tendenz für die Zukunft, darzustellen, skizziert die Forschung am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), das mit der CUNY sowie der Columbia University kooperiert, drei mögliche, „optimistische“ und „pessimistische“  Szenarien für die nächsten 30 Jahre. Diese sollen helfen, sich auf durch den Klimawandel hervorgerufene Migrationsbewegungen vorzubereiten. Die interne Klimamigration wird bis 2050 mutmaßlich weiter zunehmen. Herausforderung für die Politik ist es, Betroffenen einen Entscheidungsspielraum zu schaffen, der ihnen, soweit möglich, eine Wahl lässt, ihr Lebensumfeld zu verlassen oder nicht (sofort). Angesichts einer stetig wachsenden Weltbevölkerung und dem selbst mit gutem Willen nicht mehr umkehrbaren Klimawandel gilt es, einen Zwang zur Migration zu vermeiden und verstärkt an einem „Plan B“ und „Plan C“ zu arbeiten, der es Menschen ermöglicht, in klimatisch „krisenhaften“ Regionen zu leben, ohne dadurch automatisch in der Existenz bedroht zu sein.

 

Auch innerhalb Deutschlands fordern verschärfte klimatische Bedingungen die Menschen heraus, sich anzupassen, um ihre Lebensgrundlage zu sichern. Um zu wirken, müssen Strategien im Spannungsfeld zwischen Naturschutz und der Bewahrung des vom Menschen bewirtschafteten Landes im Dialog mit den Menschen vor Ort entwickelt werden. In Friesland etwa kämpfen Menschen häufig schon jahrhundertelang mit Sturm und Flut und Dürre und haben experimentelle Wege gefunden, um der Herausforderung zu begegnen.

Die Zuspitzung der Bedingungen unter den Vorzeichen des Klimawandels erfordert schnelles und zugleich überlegtes Handeln. Bewusste Landnutzung gegen Monokulturen und versiegelte Oberflächen sowie die Bereitstellung von Infrastruktur gehören dazu. Dennoch ersetzen solche Maßnahmen weder eine Reduzierung der Treibhausgasemissionen noch die Beschäftigung mit der Frage, wie Menschen in betroffenen Regionen unterstützt werden können und ob bestimmte Gebiete, etwa in Küstenregionen, in Zukunft noch bewohnbar sein werden.