Dem Klima trotzen

09.01.2020

Jacob Schewe ist Forscher am Potsdam Institute for Climate Impact

Sein Forschungsprojekt beschäftigt sich mit der vom Klimawandel ausgelösten Migration und ist Teil des Oberthemas »Planet in der Krise«.

 

Klima bewegt – es sorgt für Turbulenzen in der Tagespolitik, bringt Menschen auf die Straße, lässt Standpunkte aufeinanderprallen und macht uns bewusst, wie rasant wir uns auf eine Zukunft zubewegen, in der vieles nicht mehr so sein wird, wie optimistischer Fortschrittsglaube uns vielleicht noch vor wenigen Jahrzehnten suggerierte. Tatsächlich steht jedoch nicht nur die Zukunft auf dem Spiel. Schon in der Gegenwart müssen wir uns als Gesellschaft und als Spezies damit konfrontieren, dass in zahlreichen Regionen der Erde die Lebensqualität entscheidend unter klimatisch zugespitzten Bedingungen, unter Wasserknappheit und Sturmfluten leidet.

Der Klimawandel, vom dem besonders akut die Bevölkerungen in Subsahara-Afrika, Südasien und Lateinamerika betroffen sind, treibt die Migration, auch innerhalb einzelner Länder, voran. Migration kann dabei eine sinnvolle Anpassung an den Klimawandel sein, sofern sie politisch verantwortungsvoll begleitet wird. Viele städtische und periphere Gebiete müssen sich auf einen Zustrom von Menschen vorbereiten, d. h. für bessere Wohnungs- und Verkehrsinfrastruktur, für Sozialdienste und Beschäftigungsmöglichkeiten sorgen. Genauso aber werden klimabedrohte Gebiete weiter eine große Anzahl von Menschen zu versorgen haben. Dies erhöht den Bedarf an Entwicklungsstrategien zur Unterstützung der Menschen vor Ort.

 

Um das Zusammenspiel zwischen der Durchsetzung von Emissionsbeschränkungen und Entwicklungsmaßnahmen möglichst realistisch, mit Fokus auf die Tendenz für die Zukunft, darzustellen, skizziert die Forschung am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), das mit der CUNY sowie der Columbia University kooperiert, drei mögliche, „optimistische“ und „pessimistische“  Szenarien für die nächsten 30 Jahre. Diese sollen helfen, sich auf durch den Klimawandel hervorgerufene Migrationsbewegungen vorzubereiten. Die interne Klimamigration wird bis 2050 mutmaßlich weiter zunehmen. Herausforderung für die Politik ist es, Betroffenen einen Entscheidungsspielraum zu schaffen, der ihnen, soweit möglich, eine Wahl lässt, ihr Lebensumfeld zu verlassen oder nicht (sofort). Angesichts einer stetig wachsenden Weltbevölkerung und dem selbst mit gutem Willen nicht mehr umkehrbaren Klimawandel gilt es, einen Zwang zur Migration zu vermeiden und verstärkt an einem „Plan B“ und „Plan C“ zu arbeiten, der es Menschen ermöglicht, in klimatisch „krisenhaften“ Regionen zu leben, ohne dadurch automatisch in der Existenz bedroht zu sein.

 

Auch innerhalb Deutschlands fordern verschärfte klimatische Bedingungen die Menschen heraus, sich anzupassen, um ihre Lebensgrundlage zu sichern. Um zu wirken, müssen Strategien im Spannungsfeld zwischen Naturschutz und der Bewahrung des vom Menschen bewirtschafteten Landes im Dialog mit den Menschen vor Ort entwickelt werden. In Friesland etwa kämpfen Menschen häufig schon jahrhundertelang mit Sturm und Flut und Dürre und haben experimentelle Wege gefunden, um der Herausforderung zu begegnen.

Die Zuspitzung der Bedingungen unter den Vorzeichen des Klimawandels erfordert schnelles und zugleich überlegtes Handeln. Bewusste Landnutzung gegen Monokulturen und versiegelte Oberflächen sowie die Bereitstellung von Infrastruktur gehören dazu. Dennoch ersetzen solche Maßnahmen weder eine Reduzierung der Treibhausgasemissionen noch die Beschäftigung mit der Frage, wie Menschen in betroffenen Regionen unterstützt werden können und ob bestimmte Gebiete, etwa in Küstenregionen, in Zukunft noch bewohnbar sein werden.