»Is there no alternative?«

05.02.2020

Frank Bösch, Rüdiger Graf und Irmgard Zündorf sind Forscher_innen am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam.

Ihre Forschung beschäftigt sich mit dem Krisenbegriff und der Konstruktion historischer Krisenszenarien. Insbesondere das Jahr 1979 als »Zeitenwende« steht im Fokus. Die Forschungsprojekte sind Teil des Oberthema »Konzepte der Krise«.

Tagein, tagaus dieselben Nachrichten, nein, nicht dieselben, nur die gleichen: Kriege, Konflikte, Attentate, ein Öltanker ist in Seenot, ein Flüchtlingsboot tut es ihm nach. Ein Wald brennt ab – doch wo nochmal genau? Und Großbritannien – sind die immer noch an Bord? Ertrinkend und erstickend findet man sich oft inmitten einer Flut von beunruhigenden Nachrichten dieser Welt. Die Frage, ob man mit Abstumpfung oder Aktivierung reagieren darf oder soll, stellt sich jedem mehrfach täglich aufs Neue.

Wie der Historiker Rüdiger Graf erläutert, definierte der klassische Krisenbegriff die Gegenwart als Entscheidungssituation, in der menschliches Handeln gefordert war, um die drohende Katastrophe zum Guten zu wenden. Während dieses Verständnis in den inflationären Krisendiagnosen der 1920er- und 1930er-Jahre dominierte, änderte sich dies in den 1970er-Jahren, als die Fähigkeit zur aktiven Zukunftsgestaltung skeptischer bewertet wurde. Im Angesicht komplexer globaler Energie- und Umweltkrisen verlor der Krisenbegriff seine Bedeutung als Durchgangsstadium auf dem Weg in eine bessere Zukunft. Ausstieg aus dem technischen Fortschritt schien für einige die einzig denkbare Lösung zu sein.

 

Beide Extreme – totale Ohnmacht und bedingungsloser Fortschrittsoptimismus – sind natürlich einseitig gedacht. Das Potential einer Krise liegt jedoch darin, aus ihr heraus eine eigene Sprache zu entwickeln, die das Private wie das Öffentliche berührt. Im Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam geht man davon aus, dass erst in Erzählungen die Komplexität von Ereigniszusammenhängen so reduziert und zugespitzt wird, dass sie zur „Krise“ werden können. Um diese zu bewältigen, gilt es Wahrnehmungsverschiebungen zu dekonstruieren und, im Diskurs unter Expert_innen wie in der breiten Öffentlichkeit, Richtungsentscheidungen zu prüfen. Dabei ist einzubeziehen, wie auf frühere ähnliche Krisen reagiert wurde, um bewährte Methoden und neue Wege abzuwägen.

 

Krisen, so der Historiker Frank Bösch, gibt es nie ohne öffentliche Wahrnehmung einer als fundamental bedrohlich angesehenen gesellschaftlichen Herausforderung, die grundlegende Entscheidungen unter Zeitdruck abverlangt. Wie unterschiedliche globale Krisen interagieren und sich beeinflussten, untersuchte er in einem jüngst publizierten Buch anhand von Krisen im Jahr 1979, deren Zusammenspiel in vielen Teilen der Welt eine „Zeitenwende“ bildete: Die iranische Revolution und die Aufnahme der Boat-People aus Vietnam; die grundlegenden Reformen in China, das sich seitdem zur globalen Handelsmacht entwickelte; die Proklamierung der Alternativlosigkeit neoliberalen Denkens durch Margaret Thatcher im Zuge der Weltwirtschaftskrise, ebenso wie die Verbreitung ökologischer Positionen mit den Grünen, nicht zuletzt in Folge eines Atomkraftunfalls und der zweiten Ölkrise.

Die Spannungen zwischen Kapitalismus und Umweltbewusstsein, Weltbürgertum und regionaler Zu-Hause-Mentalität, Säkularisierung und religiöser Spaltung treten bereits hier deutlich hervor. Nach der Krise der Europäischen Einigung Mitte der 1970er-Jahre erfuhr auch diese zum Ende der 70er-Jahre einen Schub durch die ersten Europawahlen und das Europäische Währungssystem. Insofern zeigt der Blick zurück Handlungsspielräume, die aus Krisen entstehen: Die Ereignisse nicht als Einzelfälle, sondern als Zusammenhang zu begreifen, ist eine Aufgabe, die sich umso mehr in einer kommunikativ so umfassend vernetzten Gesellschaft wie der unseren auch als Chance stellt.