Virtuell und ganz real:
Radikalisierung als gesellschaftlicher Prozess

25.01.2020

Hande Abay, Manjana Sold und Julian Junk sind Forscher*innen am Leibniz-Institut Hessische Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung (HSFK).

Der Projektverbund PANDORA untersucht gewaltförmige Diskurse in sozialen Medien und deren Effekte auf Radikalisierungsprozesse in extrem rechten und in salafistisch-dschihadistischen Milieus. Es ist ein eigenes Oberthema der Ausstellung: »Radikalisierung – Die Krise des gesellschaftlichen Zusammenhalts«.

Politische wie religiöse Radikalisierung sind zu einem Dauerthema für Medien, Politik und Bevölkerung geworden. Soziale Medien haben sich zu einem Ort teils aggressiver Austragung gesellschaftlicher Konflikte entwickelt und werden auch zur Mobilisierung und Propaganda genutzt. Der Projektverbund PANDORA untersucht gewaltförmige Diskurse in sozialen Medien und deren Effekte auf Radikalisierungsprozesse in extrem rechten und in salafistisch-dschihadistischen Milieus. Dabei fokussiert das Projektteam des Leibniz-Instituts Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung das salafistische Milieu. Ziel der Analyse von Facebook-Accounts und Telegram-Kanälen ist es, Dynamiken von Online-Radikalisierung nachzuzeichnen. Milieustudien von realen Gruppen in Berlin und Braunschweig identifizieren zusätzlich die sozialen und politischen Kontexte, die Radikalisierung begünstigen oder auch verhindern.

 

Unter Radikalisierung versteht das Team die zunehmende Infragestellung der Legitimation einer normativen Ordnung und/oder die wachsende Bereitschaft, deren institutionelle Strukturen zu bekämpfen. Dass heute Radikalität, d. h. die Absicht, politische Probleme „an der Wurzel zu packen“, primär mit links- und rechtsextremen Positionen, religiösem Fanatismus und Gewalt in Verbindung gebracht wird, sagt viel über die Krisenwahrnehmung unserer Zeit aus: Liberale Gesellschaften sehen ihre Ordnung vielfältigen Bedrohungen ausgesetzt und reagieren mitunter mit Abschottung. Sowohl im politischen Diskurs als auch in der Forschung dominiert dabei das Modell einer „Radikalisierung in die Gewalt“, also der zunehmenden Zuspitzung einer Einstellung bis zur Gewalttätigkeit. Doch allzu große Konzentration auf Gewaltbereitschaft als Kennzeichen von Radikalisierung verdeckt zweierlei:

Erstens enden viele Radikalisierungsprozesse nicht in Gewalt, verlaufen nicht linear, sie brechen ab. Dass sich die Einstellungen eines Individuums in einer Lebensphase verschärfen können, bedeutet nicht unbedingt, dass es sich hier um eine biografische „Einbahnstraße“ handelt. Vielmehr sind solche Prozesse wichtiger Teil der Entwicklung von Persönlichkeit, in Abgrenzung und in Annäherung an bestimmte Gruppen und Weltanschauungsmodelle. Der Projektverbund PANDORA versteht daher Radikalisierung als Prozess, der auch eine Umkehrbarkeit in Richtung De-Radikalisierung beinhaltet. 

Zweitens ist ein gewisses Maß an Radikalität in pluralen Demokratien notwendig für Innovation und Veränderung. Der Übergang zu einer problematischen Radikalisierung ist nicht immer leicht zu bestimmen. Eine zu starke Fokussierung auf die Gewaltförmigkeit von Radikalisierung kann zur Stigmatisierung von Bevölkerungsgruppen führen und tendiert dazu, sicherheitspolitische Maßnahmen gegenüber umfassender Prävention zu betonen. Das Projekt geht daher von einem weiten Radikalisierungsbegriff aus. Dieser umfasst Phänomene der „Radikalisierung ohne Gewalt“, die Schnittmengen mit dem politischen Aktivismus teilen.

 

Eine wichtige Erkenntnis aus dem Forschungsprojekt ist, dass virtuelle und realweltliche Umgebungen in Radikalisierungsprozessen stets miteinander verknüpft sind. Soziale Medien bieten häufig ein Umfeld für erste Kontakte mit radikalisierten Ideologien, eine Plattform für wechselseitigen Austausch in – mit zunehmender Radikalisierung meist geschlossenen – Gruppen, in denen Akteure nicht selten unter Decknamen aktiv sind. Für den weiteren Radikalisierungsprozess aber ist meist die Anbindung an realweltliche radikale Milieus, Gruppen oder Schlüsselpersonen ausschlaggebend. Präventionsmaßnahmen müssen diesem komplexen Zusammenspiel zwischen Online- und Offline-Dynamiken gerecht werden und deshalb eine Vielzahl von Maßnahmen umfassen.