Wie Expert_innen in die Krise kommen

14.03.2020

Oliver Ibert, Verena Brinks, Tjorven Harmsen sind Forscher_innen am Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung in Erkner.

Ihre Forschung beschäftigt sich mit der Räumlichkeit von Krisen, beispielsweise der Ausbreitung von Errergern. Das Forschungsprojekte ist Teil des Oberthemas »Konzepte der Krise«.

Was kennzeichnet eine Krise? Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen unterschiedlichen Krisen? Und wenn ja, kann man daraus Rückschlüsse darüber ziehen, an welchen Stellen im Verlauf einer Krise sich Möglichkeiten ergeben, um diese gut und nachhaltig zu lösen? Krisen enden nicht zwangsläufig in einer Katastrophe, sondern markieren vielmehr einen kritischen Moment und Wendepunkt, in dem man schnelle Entscheidungen treffen muss. Krisen können nicht objektiv festgestellt werden. Erst die Wahrnehmung einer Situation als Krise definiert sie. Krisen sind mit Stress verbunden, da es unter Zeitdruck eine als bedrohlich empfundene Situation zu entschärfen gilt. Erschwerend kommt hinzu, dass kein gesichertes Wissen darüber vorliegt, wie die Krise zu lösen ist. Das bedeutet, dass abseits von Routinen gehandelt werden muss.

 

Das Projekt „Resilienter Krisenumgang: Die Rolle von Beratung bei der Schaffung und Nutzung von ‚Gelegenheiten‘ in Krisenverläufen“, durchgeführt am Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS), hat zum Ziel, besser zu verstehen, wie Krisensituationen erfolgreich bewältigt werden können. Drei Krisenverläufe werden hierfür miteinander verglichen – eine wirtschaftliche Krise, eine Umweltkrise und eine politische Krise. Ein besonderer Fokus des Projektes liegt dabei auf der Frage, welche Rolle Expertinnen und Experten bei der Krisenbewältigung spielen. Hierzu gehören z. B. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die zur Bewältigung einer Situation um Rat gefragt werden. Was müssen sie über Krisen und über ihre eigene Rolle wissen, wenn sie als Beraterinnen und Berater in Krisen tätig sind? 

 

Raum und Zeit werden dabei als zentrale Faktoren zur Beantwortung der Forschungsfragen betrachtet, die in ihrer Zusammenführung Erkenntnisse für den praktischen Umgang mit Krisen liefern können. Die Bezüge der Krise zum Raum werden besonders deutlich, wo etwa von „Krisenregionen“ die Rede ist oder „Ansteckungsgefahren“ innerhalb und zwischen Branchen oder Industrien thematisiert werden (sog. „Spillover-Effekte“). Auch in Diskussionen um territoriale Zuständigkeiten für das Krisenmanagement tritt die räumliche Dimension hervor. Ziel der Forschung ist es, die Facetten von Räumlichkeit der Krise – als netzwerkförmige, topologische, territorial zugehörige oder skalierbare – auszuleuchten und deren Verbundenheit herauszustellen. Wenn die dramatische Situation überwunden ist, wird die Krise reflektiert und häufig in eine lineare Chronologie eingeordnet. In der Aufarbeitung spricht man dann z. B. von Warnsignalen, die zu spät erkannt oder zu lange ignoriert wurden. Dieser rekonstruierte Krisenverlauf ist zwar relevant, um nach der Krise Veränderungen vorzunehmen. Er lässt aber nur bedingt Rückschlüsse auf die Bewältigung der akuten Krise selbst zu, von der die Akteure überrascht werden. Im Projekt geht es um konkrete Situationen der Krisenbewältigung, etwa die Interaktion in einem Krisenstab. Eines der Ergebnisse ist, dass Krisen ihren Schrecken verlieren, wenn man sie als besondere Handlungskontexte der Entscheidungsfindung begreift. So zeigen gesammelte Interviews, dass Menschen, die beruflich mit vielen Krisensituationen zu tun haben, Krisen nicht unbedingt als furchterregend erleben, sondern als effektive „Bewältigungsstruktur“, die sinnvoll ist, wenn Entscheidungen schnell getroffen werden müssen, um Schlimmeres abzuwenden.