Landwirtschaft nach dem Arabischen Frühling

15.01.2020

Linde Goetz und ihr Kollege Osama Ahmed sind Forscher am Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO)

Ihr Forschungsprojekt beschäftigt sich mit dem Handel von Weizen auf dem Weltmarkt, Ressourcenknappheit und nachhaltiger Landwirtschaft. Es ist Teil des Oberthemas »Planet in der Krise«.

Exportierte Nahrungsmittel sind weltweit so begehrt wie krisenhaft, bedenkt man die Belastung, die sie für unser Ökosystem bedeuten. Tatsächlich benötigt Deutschland knapp das Doppelte der eigenen Landesfläche in anderen, häufig ärmeren Ländern, um seinen Bedarf an Agrarprodukten zu decken. Auch die wachsende Nachfrage an Fleisch oder Bio-Sprit in Industrie- und Schwellenländern verbraucht große Mengen an Getreide, Wasser und Bodenfläche, so dass Lebensmittelpreise in die Höhe schießen.

 

Besonders hart treffen solche Dynamiken jene Länder, die durch politische Unruhen ohnehin bereits geschwächt und anfällig für wirtschaftliche Einbrüche sind. So wurden im Zuge der Proteste im arabischen Frühling, 2011 und 2013, in Nordafrika und insbesondere Ägypten verstärkt etablierte Wirtschaftsstrukturen und Handelsbeziehungen zerstört. Das zuvor anhaltende Wirtschaftswachstum wurde jäh gestoppt und kehrte sich um. Die Arbeitslosigkeit stieg an auf 12,5%, etwa ein Drittel der Bevölkerung leidet unter akuter Armut.

Um die ägyptische Wirtschaft wieder auf den Wachstumspfad zu bringen, wurden umfassende wirtschaftliche Reformen durchgeführt. Dazu zählte die Aufgabe der Wechselkursfixierung, mittels derer der Preis des ägyptischen Pfunds künstlich hochgehalten worden war. Mit dem Übergang zum freien Wechselkurs verlor die ägyptische Währung dramatisch an Wert, was mit einer starken Nahrungsmittelinflation einherging, ist Ägypten doch auf diesem Sektor besonders importabhängig. Teuer wurde vor allem der Weizen bzw. das Brot als Grundnahrungsmittel des Landes. Auch die Preise für Düngemittel und Benzin stiegen immens, was für Bauern zunehmend Probleme bereitet – nicht zuletzt da im Rahmen von Strukturanpassungsprogrammen landwirtschaftliche Subventionen abgeschafft wurden. Hinzu kommen Ernteeinbußen durch Dürren, die in den letzten Jahren in Ägypten zugenommen haben. Die Bodenqualität leidet in Folge übermäßiger Bewässerung und Anwendung chemischer Pflanzenschutzmittel. Viele Landwirte produzieren daher wegen hoher Produktionskosten weniger Weizen. Folglich muss mehr Weizen teuer importiert werden. Viele Haushalte haben darum mittlerweile ihre Nahrungsmittel durch qualitativ niedrigerwertige ersetzt und müssen ohnehin einen Großteil ihres Einkommens für Nahrungsmittel ausgeben. 

 

Um dieser Krise entgegenzutreten, sind ökonomische Reformen essentiell. So können etwa ein planvoller Abbau von Subventionen oder die Abwertung der Währung Investitionsanreize schaffen und die Märkte stabilisieren. Zudem gilt es Reformen so durchzuführen, dass diese nicht erneute Umwälzungen in der Region auslösen. Hierbei kommt Nahrungsmittelpreisen eine entscheidende Rolle zu. Um der Preisinflation entgegenzuwirken, muss die Selbstversorgung durch gesteigerte Effizienz der landwirtschaftlichen Produktion verbessert werden. Dies lässt sich etwa erreichen durch eine Optimierung von Fruchtfolgen, d. h. einen zyklisch wechselnden, aufeinander abgestimmten Anbau verschiedener Nutzpflanzen auf einer Fläche, die Reduzierung von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln sowie verbesserte Bewässerungssysteme. Ziel ist es, durch einen auch auf digital gestützte Systeme zurückgreifenden „Präzisionsackerbau“ Erträge zu steigern und Produktionskosten zu senken. Hierzu gehört auch die Verhinderung von Verlusten nach der Ernte durch verbesserte Lagerungsmöglichkeiten.