Part of your World

01.01.2019

In Krisen Durchblick zu behalten, wenn Ereignisse sich überschlagen, die Zahl an Haupt- und Nebenschauplätzen stetig anzuwachsen scheint und der eigene Standpunkt sich auf zunehmend unsicheres Terrain verlagert, stellt besondere Herausforderungen an unser aller Sehvermögen. Die folgenden „Übungen zur Stärkung der Sehkraft in Zeiten von Corona“ plädieren für eine Gleitsicht zwischen individuellen und kollektiven Anliegen, welche ihre eigenen blinden Flecke nicht zu verdecken sucht, sondern das Verhältnis zwischen Abstand und Nähe selbst ins Zentrum rückt.

„I wanna be where the people are“, sang Arielle in einem Song, den ich sehr oft anhören und mitsingen musste, um eine andere Videobotschaft zu verdrängen, welche oberflächlich betrachtet einem recht ähnlichen Wunsch Ausdruck verlieh: Der Influencer Leon Lovelock brillierte kürzlich mit einem atemberaubenden „Ich geh da jetzt raus!“-Manifest gegen die physischen Distanzierungsgebote. So tief empfunden wie noch tiefer im Treibsand der Argumentationslosigkeit versunken, äußerten sich auch Regierungschefs, ihre Berater, ein ganzer Strauß Prominenter – und, plötzlich ganz nah, der Herr im Supermarkt, der mich mit seinem Einkaufswagen rücklings aufzuspießen drohte. Sie sprechen aus, was die Unsicherheit vieler ist: Wo ist denn dieses Corona überhaupt? Viren? Symptome? Kennt ihr jemanden, der Corona hat?
Natürlich gilt es, sowohl auf natur- als auch politikwissenschaftlicher Ebene genau hinzuschauen und staatliche Maßnahmen in ihrer Tragweite für die Demokratie zu bewerten. Ohne diese Basis zum Boykott der Schutzvorkehrungen aufzurufen – wie es Lovelock tat und mittlerweile in einem Gestus beinahe der menschen- und tierliebenden politischen Aufklärung zurücknahm – bringt vor allem eine falsch verstandene Freiheit im Sinne der Survival-Fantasie, nur „fit“ und „wach“ genug sein zu müssen, um weiterhin „sein Ding“ machen und Teil der eigenen Welt sein zu können.

Das Virus mag selbst unsichtbar sein, es macht aber Dinge sichtbar, zeigt mit dem infektiösen Finger auf gesellschaftliche Herausforderungen, durch die wir bewusst hindurchgeschaut, die wir verdrängt oder überspielt haben, solange wir uns nicht unmittelbar von ihnen betroffen sahen. Das Virus legt den Finger in die Wunden und macht deutlich, dass Händewaschen (auch mit Wodka) nicht gegen alles hilft: Ein ausbaufähiges Gesundheitssystem, die Wucht der Migrations- und Fluchtbewegungen, häusliche Gewalt, stockende Digitalisierung im Bildungswesen, Förderung von Kunst, Kultur und Ehrenamt, und überhaupt: die mangelnde Rücksicht aufeinander, auf Personal im Supermarkt, im öffentlichen Personennahverkehr, im Care-Bereich. Manches fällt dem blinden Fleck im persönlichen Weltanschauungs-Rückspiegel zum Opfer, schon allein deshalb, weil sich das gesellschaftliche Leben notgedrungen in zahllosen „Parallelwelten“ abspielt, um zu funktionieren. Dinge ausblenden zu können, ist eine wichtige Kulturtechnik. Sie wieder einzublenden, ebenso. Den Spiegel einmal „richtig“ einzustellen, nutzt hier nur bedingt, denn was heißt schon „richtig“ in Bezug auf Weltanschauung? Sich öfter mal umzudrehen, hilft.

Verringern sie den Abstand zum WLAN-Router oder führen Sie eine Netzwerkdiagnose durch.

Eine Krise findet im „Zwischen“ statt, in einer Beziehung, einem Geflecht unterschiedlicher Seinsweisen, deren ineinandergreifende Rhythmen plötzlich zur blockierenden Störung füreinander werden. Man hat sie nicht nur mit einem einzelnen Gegenstand oder Gegner, sondern wird durch sie empfänglich für ein Anderes (meist ein versteckter Plural), zu dem die Beziehung problematisch geraten ist. Nicht selten geht es auch um das Verhältnis zwischen einem Innen und „der Außenwelt“ bzw. um die Tatsache, dass das eine vom anderen nicht zu trennen ist. Krisen zu überwinden, heißt insofern auch und vor allem Rhythmen in der Heterogenität zu finden. Dabei ist das Besondere an einem Rhythmus, dass Gleichmäßigkeit und Abweichung in ihm ineinander wirken und nicht jede Störung schon als Bruch mit der produktiven Bewegung des Miteinanders in der Zeit zu sehen ist – wohl aber als Signal, das anzeigt, dass sich Neues andeutet und der eigene Einsatz – unsere Rolle als Individuum und als Gattungswesen – neu überdacht werden sollte.
In einer so umfassend vernetzten Gesellschaft wie der unseren wird es leichter, etwa durch Reisen und das Internet Ereignisse als Zusammenhänge zu begreifen. Doch Spannungen zwischen Kapitalismus und Nachhaltigkeit, Weltbürgertum und Zu-Hause-Mentalität, Säkularisierung und religiöser Spaltung scheinen zuzunehmen. Die Unübersichtlichkeit der Medienlandschaft, zwischen Skylla und Charybdis des Überangebots und der engen Filterblase, ist längst ein Allgemeinplatz geworden.
Insofern wäre es Aufgabe einer produktiven zeitgemäßen Krisenrhetorik, weder Alternativen nach Ausschlussprinzip noch Alternativlosigkeit zu präsentieren – wie es in der Vergangeheit auch bereits häufiger geschah –, sondern eine allgemeine „Gleitsichtpflicht“ auszurufen. Was man nicht sieht, ist manchmal einfach zu groß oder zu klein, zu schnell oder zu langsam, um von uns erfasst zu werden. Die Herausforderung ist der Umgang mit dem Fokus: Kameraschwenks von einem auf das andere Ereignis, zwischen Schauplätzen, die heran- und wieder weggezoomt werden müssen. Unschärfen entstehen, optische Ablenkungen, wenn die Kamera „pumpt“. Autofokus ist keine gute Wahl, wenn der Stillstand der Zeit – „Everyday is like Sunday“ – nur täuschende Oberfläche ist.

Dass Einzelne durch übergreifende politische Entscheidungen in ihrem Alltag eingeschränkt werden, ist genauso wichtig, diskutiert zu werden, wie die gesellschaftlichen Konsequenzen „privater“ Handlungen. Dabei geht es nicht um das gegenseitige Absprechen von Vernunft, sondern um eine Kommunikation, die persönliche Beweggründe genauso ernst nimmt wie die Auswirkungen konkreter Handlungen – unabhängig zunächst von den konkret Handelnden – auf die Gemeinschaft. Die Philosophin Cinzia Sciuto fasst dies gut in Worte, wenn sie sich für die Zukunft die Einsicht wünscht, „dass niemand – weder als Individuum, noch als einzelne kleine Gemeinschaft – sein eigenes Leben ausschließlich aus seinen eigenen Wünschen, Werten, Interessen gestalten kann, ohne gleichzeitig die kollektive Verantwortung dafür zu übernehmen. Und das schließt auch die Möglichkeit ein, dass die eigenen Entscheidungen frei im öffentlichen Raum diskutiert werden können“[1] – ohne dass jemand moralisieren oder umgekehrt persönlich beleidigt sein müsste. Tatsächlich ist das Drinbleiben wie das Rausgehen nie so einfach, wie es vielleicht anhand einzelner Aussage oder eines schnell gefällten Urteils erscheinen mag. Wie man wohnt und arbeitet, mit wem und was man tut und lässt, sobald man rausgeht, sind schließlich alles andere als objektive und berechenbare Faktoren.

Hat man diese Sehübung, andere nicht immer mit der eigenen Lage zu assoziieren und aufgrund dessen genau verstehen und bewerten können zu glauben, zur Routine gemacht, sollte man sich – am besten aber schon parallel – der zweiten Übung zuwenden: Corona ist nicht die einzige Krise, die Welt ist voller kriegsähnlicher Zustände, die sich nicht einfach überstehen lassen, indem man für ein paar Wochen das Haus nicht verlässt. Voraussetzung ohnehin, versteht sich, dass ein solches Haus noch existiert. Viele dieser Krisen werden von Covid-19 nicht nur überlagert, sondern verschärft, denn das Virus macht auch vor Grenzkontrollen oder abgeschotteten Inseln und Camps nicht halt. Dass man sich wünschte, es täte dies, ist ein wenig so, als kniffe man die Augen bis zur Hälfte zu. Solche Einschränkungen des Sehfelds werden gefördert durch den Umstand, dass Unsichtbarkeiten oft durch mediale Visualisierungsmethoden bzw. Formen der Berichterstattung selbst (mit)entstehen.

Die neuen Gleitsichtbrillen

Aus dem Homeoffice gibt das Berliner Ensemble digitale Einblicke in die Proben zu Olga Grjasnowas „Gott ist nicht schüchtern“. Es zeigt, wie es gelingen kann, Sehkraft auch in der Distanz zu schärfen. Die Online-Kommunikation scheint hier nicht bloß ein Tool zu sein, um weiter proben zu können, sondern spezifisch geeignetes Medium für das, was erzählt wird. Konnektivitätsprobleme im buchstäblichen wie übertragenen Sinne werden zum verbindenden Glied der Erfahrung unserer eigenen Situation und derjenigen von Menschen in (nicht ganz so) fernen Kriegsgebieten. Der Blick richtet sich durch vier Personen vor ihren Bildschirmkameras hindurch auf Syrien im Jahr 2011. Das voneinander Getrenntsein, obwohl man sich doch sieht, sogar ganz nah herantreten kann, um die Person an einem anderen fernen Ende des Glasfaserkabels – auch unangenehm – visuell zu berühren, ist auch für einen westlich privilegierten Blick nachvollziehbar. Man steigt ein, verfolgt die Geschichte, die in „Gott ist nicht schüchtern“ ganz alltäglich ihren Anfang nimmt, als Videogespräch eines Mannes, der sein Visum in Syrien verlängern möchte und seiner Verlobten in Paris darlegt, dass es doch noch etwas länger dauert. Nach und nach stellt sich in den montierten Gesprächen zwischen den Protagonist_innen heraus, dass sie alle vor existenzielle Entscheidungen stehen – fliehen, bleiben, Präsenz zeigen, auf den Plätzen von Damaskus, in den Untergrund oder ins Gefängnis gehen, nach Hause zurückkehren, ohne dass man noch wüsste, wie weit man sich, gedanklich, von diesem bereits entfernt hat. Und plötzlich kippt das bekannte Bild – aufgeteilt in Guckkästen, aus denen bekannte Gesichter blicken, während man Projekte koordiniert oder die Familie grüßt – in das Erahnen einer Krise, die größer ist, als dass man sie einfach so „umarmen“, aufnehmen und nachfühlen könnte.
Die bekannte Benutzeroberfläche wird hier genutzt, um einen routinierten Blick erst einzufangen, dann aber in ein ziemlich Fremdes gleiten zu lassen – als Videokonferenz, die uns fast schon suggeriert, selbst Teil des Bildschirmgesprächs zu sein, sein zu können, als müsste man nur die Kamera und das Mikrofon anschalten – doch was würde man sagen?

Kunst – und das betrifft sicher nicht nur die darstellende Kunst – kann Bewegungen anstoßen, die eher einem Stocken gleichen – einem Innehalten vor einer Perspektive, die plötzlich näher oder weiter weg erscheint als vorher und wie eine Hürde genommen werden will. Ein Kopf ist eben auch ein Gegenüber, das nicht nur als Teil unseres persönlichen Netzwerkes zu uns spricht, sondern eigene Verknüpfungen und Schnittstellen, auch eigene Krisen mitbringt. Damit man darum dennoch nicht plötzlich nur noch lauter Glitches sieht, braucht auch mediale Zwischenmenschlichkeit das Hin- und Herzoomen zwischen Personen und Situationen, um die Nähe und Distanz zur eigenen Erfahrung überhaupt erst abschätzen zu können. Gerade dort, wo die eigene Erfahrung nur schwer hinkommt, scheint es, muss man umso konzentrierter hinschauen, mehr noch analysieren, als bloß mitzufühlen. Oder, um es etwas weniger rationalitätsbezogen auszudrücken: Empathie bedeutet eben auch, die Abstände und Grenzen der eigenen Erfahrung mitzufühlen und gleichzeitig, das ist die Herausforderung, involviert zu bleiben.
Vielleicht ist es eine Chance im Wolfspelz, dass die Pandemie zunächst alle anderen Krisen in den Hintergrund verbannt – während alle damit beschäftigt sind, sich mit Sterilium einzudecken –, dadurch aber neu die Gelegenheit schafft, diese Krisen, die zuvor durch allgegenwärtige Sichtbarkeit verdeckt wurden, wieder aktiv ins Licht zu holen. Sich zu fragen, wie weit weg oder wie nah dran wir eigentlich selbst sind am „Ende der Welt“, das zunächst – wieder mal – in der Mehrzahl zu denken ist: als „Enden vieler Welten“, die parallel und in Abhängigkeit voneinander auf der Erde von Zerstörung bedroht sind. Die aber auch neu entstehen können, wenn sich Menschen, für den Moment auch digital, zusammentun, und damit dem sehr vagen Ende dieses Textes eine Fortsetzung im Anfangen ermöglichen.

 

von Ellen Wagner

 

[1] Cinzia Sciuto: Eine Lehre aus der Corona-Zeit. Auf: Faust Kultur, https://faustkultur.de/4238-0-Cinzia-Sciuto-ueber-eine-Lehre-aus-der-Corona-Zeit.html?fbclid=IwAR3TpeGQOEyjHnOQnL1VFUB0TDaCvhMgqCyrp9Y-zXPVnJOModbJYR-yNII