In den Abgrund blicken

04.06.2020

Dunkle Mächte und Verschwörungstheorien in der Corona-Virus-Krise 

– von Felix Kosok

»Anders denken ist kein Fehler, sondern Freiheit!« – Dieser Aufruf findet sich als Teil eines Call to Action auf der Seite der ›Partei‹ Widerstand 2020, die im April auf Facebook als Protest gegen die Maßnahmen der Bundesregierung zur Eindämmung der COVID-19 Pandemie gegründet wurde und rund 30.000 Follower auf dem sozialen Netzwerk versammelt. Im Hintergrund der Startseite versinnbildlicht die Gedankenfreiheit eine bekannte Stock-Grafik: Ein einzelne, parteifarben-grüne Brettspielfigur steht alleine einer geschlossenen Gruppe von weißen Spielfiguren, dem metaphorischen Mainstream gegenüber. Der politische Protest der allein Andersdenkenden ist partizipativ angelegt. Wie die Sozialen Medien, auf denen sich die Gruppierung gründete, zielen sie in ihrem Programm auf eine Schwarmintelligenz ab. »Deine Mitmach-Partei« ist der einladende Slogan unter dem grün-weissen Logo, die beiden in der Schriftart Futura gesetzt sind. Die Verwendung eben jener Schrift, die ursprünglich vom sozialistischen Typografen Paul Renner gezeichnet wurde, der mit »der Zukünftigen« seinen Beitrag zu einem modernen Universalismus leisten wollte, setzt nun diese Protestgruppe in eine Reihe mit einer weiteren Partei, die sich als widerständige Alternative zur korrupten politischen Elite positionierte. Dieser Hauch von moderner Neutralität, welchen die Schrift jedem Text unweigerlich verleiht, der in ihr gesetzt wurde, scheint ihr erneut zum Verhängnis geworden zu sein. 

Die Strategie scheint aufzugehen. Obwohl Widerstand 2020 in der offiziellen Kommunikation vermeidet, verschwörungstheoretische Inhalte anzusprechen und sich lediglich als eine Gruppierung von Fragen-stellenden, am Ideal der Freiheit orientierten mündigen Bürgerinnen und Bürgern gibt, beschreibt der Rechtsextremismusforscher Matthias Quent die Gruppierung als »diffuses Sammelbecken«, in dem »Wissenschaftsfeinde […] auf Verschwörungstheoretiker, Rechtspopulisten und linksesoterische Impfgegner [treffen]«. Die Inhalte würden digital vornehmlich »in rechten und zum Teil antisemitischen Kreisen« verbreitet, was eine Gefahr der Vereinnahmung vom rechten Rand realistisch erscheinen lässt, wie es auch die jüngsten »Hygiene-Demonstrationen« beweisen.[1] Das Programm der im Entstehen begriffenen Partei, die sich mit der Futura modern neutral sowie für vieles anschlussfähig gibt und die sich in keine Schublade stecken lassen möchte, entspricht in seiner Radikalität jedoch nicht dem humanistischen Auftritt. Nicht das Programm, sondern die verschwörungstheoretische Argumentation gegen eine korrupte politische Elite, die einen unwissenden sowie naiven Mainstream unter ihrer Kontrolle hat, werde ich versuche, in diesem Beitrag auf ihre Spezifik hin besser zu verstehen. Die Frage nach der Korrelation zwischen der jeweiligen Gesellschaftsformation und den Verschwörungstheorien, die sich besonders in ihr verbreiten können, wird dabei ebenso wie deren besonderes Design im Fokus stehen. 

In Krisenzeiten haben Verschwörungstheorien Hochkonjunktur. Die von der globalen Mega-Krise des SARS-CoV-2 Corona Virus ausgelösten multiplen ökonomischen, politischen und sozialen Krisen bestätigen dies. Wahrgenommen als potenziell existenzbedrohende Situation stellt eine Krise die gewohnten Lebensformen und bekannte Organisationsprinzipien in Frage und verursacht Unsicherheit aufgrund ihrer Unvorhersehbarkeit. Niemand kann mit absoluter Sicherheit vorhersagen, ob es eine Zukunft nach der Krise geben und wie diese aussehen wird. Zugleich erzeugt eine Krise als existenzbedrohende Situation einen enormen Handlungsdruck. Das Wissen über jene unvorhersehbare Zukunft sowie die auslösenden Faktoren und inneren Wirkmechanismen der Krise wäre der entscheidende Faktor, um die richtigen Entscheidungen zu treffen und der Krise begegnen zu können. In ihrer Unvorhersehbarkeit eröffnet somit jede Krise – und insbesondere eine Pandemie – die Möglichkeit, dass das zuvor stigmatisierte Wissen sogenannter Verschwörungstheorien wieder in den öffentlichen Diskurs eintritt, um dieser Unsicherheit zu begegnen, mithilfe einer monokausalen Erklärung Schuldige zu benennen und sich einer potenziellen menschlichen Handlungsmacht zu versichern. Die Judenverfolgungen der angeblichen Brunnenvergifter und Kindesentführer sowie später auch die Hexenverfolgungen zu den Zeiten der Pest sind eindrückliche historische Beispiele hierfür.[2] Wenn es eine so perfide wie simple Erklärung für die Krise gibt und wenn ihr Auslöser menschliches Handeln war, dann kann kollektives menschliches Handeln sowie die Verfolgung der Sündenböcke die Krise überwinden. Es braucht nur ein paar Mutige, die das Komplott der Verschwörer durchschauen und den Rest der Unwissenden aufklären. Drei Grundannahmen sind hierbei neben einer geheimen Gruppe von Verschwörern konstitutiv für das Narrativ, wie Michael Butter sie in seiner Arbeit zu Verschwörungstheorien zusammenfasst: »1.) Nichts geschieht durch Zufall. 2.) Nichts ist, wie es scheint. 3.) Alles ist miteinander verbunden.«[3]

Trotz der vielen ähnlichen Grundbausteine und Elemente, die sich auch heute noch in Verschwörungstheorien finden lassen – der Antisemitismus, die Sündenbockfunktion, die Bedrohung Unschuldiger durch das Böse  – ist der Vergleich zwischen den Corona-Virus-Verschwörungen, wie sie unter anderem Widerstand 2020 bedient, und den Verschwörungstheorien der Pest nicht ganz so naheliegend, wie er zunächst scheint. Obwohl Verschwörungstheorien von Dieter Groh als »anthropologische Konstante« verstanden werden, die eine »Entlastungs- oder Reduktionsfunktion« erfüllen,[4] finden in der von der globalen COVID-19 Pandemie ausgelösten Krise und über diese hinaus im bisherigen 21. Jahrhundert sehr speziell strukturierte Verschwörungstheorien anklang, die nicht eine Bedrohung »von unten«, wie die von Juden vergiftete Brunnen im Mittelalter oder die Unterwanderung der USA durch Katholiken in der Neuzeit, suggerieren, sondern sich gegen die Bedrohung »von oben«, gegen die Kontrolle durch global agierende Eliten richten, wie Butter dies differenziert.[5] Die Theorien um den Deep State, die angeblich inszeniert Anschläge vom 11. September, die neue Weltordnung und selbst noch die Vorstellung von insgeheim die Fäden in der Hand haltenden Reptiloiden kreisen um eine globale Verschwörung durch eine geheime, allmächtige Elite, die auf alles und jeden Kontrolle ausübt, die Geschicke der Welt lenkt, dabei hin und wieder Fehler begeht und sich so den aufmerksamen Beobachtern offenbart. Aus der bedrohlichen Dunkelheit blicken menschliche oder zumindest anthropomorphe Augen zurück. Wie Butter betont, sind Verschwörungsmythen eben doch nicht eine rein anthropologische, menscheitsgeschichtliche Konstante, deren Grundstrukturen und Narrative immer auf denselben Mustern aufbauen. Sie stehen vielmehr immer im Bezug zu der spezifischen Zeit sowie Gesellschaft, die sie hervorbringt, und zu einer Öffentlichkeit, in der sie sich verbreiten lassen. Indem moderne Verschwörungstheorien eine bestimmte Annahme von menschlicher Handlungsfähigkeit voraussetzen, gründen sie zudem auf einem spezifischen Verständnis des Subjektes, das wesentlich von einer modernen Gesellschaft abhängig ist. Zudem setzen sie nach Butter »ein spezifisches Verständnis von Zeitlichkeit und historischer Entwicklung voraus.«[6] Im Rückgriff auf Karl Popper, der den Begriff der Verschwörungstheorie, wie wir ihn heute kennen, in Die Offene Gesellschaft und ihre Feinde 1945 prägte, verweist auch Butter auf die Abhängigkeit moderner Verschwörungstheorien von der europäischen Aufklärung. Bezeichnenderweise kreisen um die ›wahren‹ Ursachen der Französische Revolution besonders viele dieser verschwörerischen Mythen und Gerüchte.[7] Darüber hinaus ist es gerade Poppers Arbeit, die für Butter einen weiteren, entscheidenden Wendepunkt für Verschwörungstheorien darstellt: in ihr wird der Begriff eindeutig pejorativ verwendet. 

Die wissenschaftliche Entzauberung der Welt der Aufklärung hatte Mythen und Esoterik aus dem Feld der ernstzunehmenden Wissenschaften verdrängt. Die katastrophalen Folgen der antisemitischen Ideologie der jüdischen Weltverschwörung, die in der Vernichtung der Juden in den Konzentrationslagern des dritten Reichs ihren schrecklichen Tiefpunkt erreichten, hatten verschwörungstheoretische Vorstellungen und ihr Wissen in der Öffentlichkeit vollends stigmatisiert. Hierdurch wurden Verschwörungstheorien außerhalb ihres bewussten Einsatzes in Science-Fiction und Hollywood Blockbustern lediglich an den extremen Rändern der Gesellschaft tatsächlich ernst genommen. Während die Anschuldigungen der Hexenprozesse von Salem, die als verschwörungstheoretische Bedrohung »von unten« eigentlich von einem ökonomischen Konflikt ausgelöst wurden,[8] zu ihrer Zeit noch als wissensbasierte Erkenntnis galten, aufgrund derer realweltliche Institutionen zu handeln hatten, ist dies heute in weiten Teilen der Welt undenkbar. Zwar weniger undenkbar gilt jedoch ähnliches für die Behauptung einer jüdischen Weltverschwörung »von oben«, die im Privaten in Teilen der Gesellschaft stets salonfähig blieb, jedoch nicht gesamtgesellschaftlich debattiert sowie öffentlich vertreten wurde. Jede ernstgemeinte, in ihrer Rhetorik verschwörungstheoretische Äußerung in der Öffentlichkeit wäre insbesondere in Deutschland gesellschaftlich sanktioniert worden – bis vor Kurzem jedenfalls. Wie kommt es also zu einem Wiedereintritt von verschwörungstheoretischem Wissen, das eigentlich stigmatisiert ist, in einen öffentlichen Diskurs? Wieso wirkt die Stigmatisierung eines gesamtgesellschaftlichen Diskurses nicht mehr?

Zwei Argumente als mögliche Antwort auf diese Frage möchte ich ausführen. Das erste ist dabei relativ unstrittig und wird von einer Vielzahl von Forscherinnen und Forschern, so auch von Michael Butter, geteilt. Die kurze Antwort: das Internet ist schuld. Dass die virtuelle Welt und insbesondere die Konnektivität der Sozialen Medien die Verbreitung von Verschwörungstheorien erleichtert, steht außer Frage. Über die Verbreitung hinaus hat das interaktive Design der Sozialen Medien jedoch Einfluss darauf, dass Verschwörungstheorien überhaupt und nicht erst seit der Corona-Virus-Krise auf einen Resonanzraum treffen, in dem sie Aufmerksamkeit und Akzeptanz finden. So sind die sozialen Medien bereits in ihrem Design von Daumen hoch und Likes auf positive Bestätigung ausgelegt, wenn auch ein Shitstorm nicht ausgeschlossen werden kann. Selbst dieser ist so wie jedes Hass Kommentar eine Einbahnstraße, über die möglichst viel abgefeuert wird in der Hoffnung, dass was kleben bleibt. In ihnen stellen sich die Nutzerinnen und Nutzer ihr eigenes Selbst- und Weltbild als wählendes und konsumierendes Ich zusammen und halten sich hierbei selbst als kreative, interessante und flexible Ware (Kreativ-)Arbeitskraft konsumierbar.[9] Hierbei Verschmelzen Privates sowie Öffentliches, Freizeit und Arbeit, Informationen und Meinungen. Die Twitter oder Facebook Timeline werden zu einem Spiegel meiner Welt im Ganzen, die ich zugleich selektiv kuratieren kann.[10] Dies wird noch durch einen Algorithmus befeuert, der mir eben nur das vorschlägt, was mir auch noch gefallen könnte, so dass ich mich nur mit dem umgebe, dass ich schon kenne. Dies fällt einem normalerweise nicht auf. Ein interessantes Beispiel für das Nicht-Funktionieren bzw. das zu eindimensionale, konsumistische, filterblasen-verstärkende Funktionieren des Algorithmus von YouTube und Google sind die jeweiligen Empfehlungen, die ich nach der Vorbereitung für diesen Essay erhalte: sie sind voll mit Videos oder Artikeln über Verschwörungstheorien zur Corona Virus Pandemie. Aus einem ungefilterten Zugang zur Information ist eine Informations-Filterblase geworden.[11] Der Algorithmus missversteht meine Suche und interpretiert sie als mein privates Interesse. Oder vielmehr missverstehe ich das Design dieser Seiten, indem ich ein Profil entweder privat oder öffentlich verwenden möchte, in dem beides schon immer miteinander verschmolzen war. Ebenso fallen beide Seiten im Design der Plattformen der Sozialen Medien gewollt in eins. Reflektiert man nicht über seinen eigenen interaktiven Konsum dieser Medien, die genau auf diese »Datenabgase« produzierende Interaktion angelegt sind,[12] ergibt sich der perfekte Resonanzraum für Verschwörungstheorien. Durch das Internet entstehen fragmentierte Teilöffentlichkeiten, in denen Verschwörungstheorien als legitimes Wissen akzeptiert werden.[13] Selbst wenn die Plattformen aktiv hiergegen durch Löschung arbeiten, ist ihr Algorithmus, ihr Design, immer noch hierauf ausgerichtet.    

Die zweite Argumentationslinie für einen Wiedereintritt von Verschwörungstheorien in einen öffentlichen Diskurs, gegen den auch die Stigmatisierung ihres Wissens nichts ausrichten konnte, bezieht sich auf die besondere Art der aufzudeckenden Verschwörung, die sich auf eine ganz bestimmte Gesellschaftsformation richtet. Denn tatsächlich werden auch heute noch die Vertreterinnen und Vertreter von Verschwörungstheorien ins gesellschaftliche Abseits gedrängt, wenn sie sich offen zu diesen bekennen. Nur ziehen die Geschickten unter ihnen gerade daraus einen Vorteil. Unter ihnen finden sich Prominente und sogar Staatsoberhäupter, die sich durch ihre Äußerungen als mutige Renegaten im Kampf gegen die intellektuellen und/oder politischen Eliten stilisieren können. Denn es ist die dunkle Bedrohung »von oben«, gegen die sich die Verschwörungstheorien vermehrt richten und vor der sie das unschuldige, gute »Volk« schützen wollen. Als Einäugige unter Blinden – eventuell sogar als Überläufer aus dieser Elite – haben sie die Gefahr erkannt, die von eben jener politischen Elite ausgeht, die eigentlich nur die Marionette einer entrückten, einflussreichen Macht ist. Es ist genau diese Überschneidung und Vermischung von Verschwörungstheorien, einer Kritik postdemokratischer, also rein über die wirtschaftliche Notwendigkeit legitimierter Entscheidungen einer (Nicht-)Regierung sowie unterschiedlicher Versatzstücke eines wiedererstarkten Populismus, die sich auch in Bezug auf das Sammelbecken Widerstand 2020 beobachten lassen, vielleicht sogar eine Erklärung hierfür liefern. Durch die Stigmatisierung ihres Wissens sowie der pejorativen Verwendung des Begriffs der Verschwörungstheorie haben diese Aspekte überhaupt erst besondere Bedeutung erlangt, da die Vertreterinnen und Vertreter sich nun in Opposition zum Mainstream, zur allgemein akzeptierten Überzeugungen sowie insbesondere zu den intellektuellen, aber ebenso auch den politischen Eliten positionieren können. Ein weiteres Beispiel soll dies verdeutlichen. 

In der Rede des prominenten, veganen Kochbuchautors Attila Hildmann, die er am 16. Mai 2020 vor dem Bundestag hielt, werden Verschwörungstheorien mit populistischer Rhetorik verknüpft. Zunächst beginnt er damit, seinen Status als vereinzelter Widerstandskämpfer zu untermauern. YouTube und Twitter hätten ihn auf Wunsch der Elite hin zensiert, der Mainstream der Medien sei unter deren Kontrolle und die wahren Freunde der Demokratie und der freien Meinungsäußerung müssten sich wehren. Für sie würde er sprechen. Wie jeder gute Verschwörungstheoretiker beginnt er damit, unterschiedliche Quellen aufzuzählen, deren Titel er besonders betont und auf seinen eigenen »physikalisch-wissenschaftlichen Background« verweist. In der Wissenschaft gäbe es nämlich nicht nur eine Meinung, sondern jeder und jede habe das Recht, in den wissenschaftlichen Diskurs einzutreten und seine Meinung zur Wahrheit in den Ring wissenschaftlicher Debatte zu werfen. Dies sei jedoch in der Öffentlichkeit in Deutschland nicht mehr möglich, da das Land von einer kleinen Elite kontrolliert würde, die ebenso das im öffentlichen Diskurs Sagbare bestimme. Die Mundschutzmasken sind dementsprechend ein Maulkorb für die Bevölkerung, die Schafherde, so Hildmann. Die Corona-Virus-Krise und die Gegenmaßnahmen der Regierung seien eine lange geplante, geheime Operation, um das Volk zu kontrollieren, ihm sogar zu schaden. Aber von wem? Hildmanns Antwort hierauf folgt dem Prinzip, dass man nur der Spur des Geldes folgen müsse, um den Schuldigen zu finden. Wer profitiert also von der Krise? Paradoxerweise sei es nicht die Wirtschaft, zu der sich Hildmann als Unternehmer selbst zählt, der ja seinen wirtschaftlichen Erfolg geopfert habe, um endlich die Wahrheit zu sagen, sondern die Pharma-Mafia (die offensichtlich nicht zur freien Wirtschaft zählt) sowie die Maßnahmen diktierende WHO, hinter denen beiden natürlich klar erkennbar, wenn man nur den richtigen Spuren folge, ein Mann steht: Bill Gates. »Dieser kleiner Nerd von Microsoft«, tönt Hildmann und lässt dabei einen autoritären Persönlichkeitstyp durchblicken, der sowieso schon die ganze Zeit in seinem aggressiven Redestil und dem Emblem von zwei Samurai Schwertern auf seinem Pulli durchscheint. Eben jene Samurai Schwerter, mit denen er sich zuvor medienwirksam als Widerstandskämpfer inszenierte. Nicht nur sei wiederum Gates im »Lolita Flieger« von Jeffrey Epstein mitgeflogen – der Fokus auf das Sexuelle bringt Hildmann einen weiteren Punkt auf der F-Skala[14] – sondern verfolge durchweg »satanische Motive« – der Glaube an das Schicksal und dunkle Mächte bringt einen weiteren. 

Ab hier spult Hildmann das bekannte Programm ab: der allmächtige Gates verdient natürlich Unsummen von Geld, darüber hinaus wolle er durch die Nebenwirkungen von Impfstoffen und Zwangssterilisation die Weltbevölkerung auf unter 1 Milliarde reduzieren und außerdem noch über die Injektion Nano-Chips zur besseren Kontrolle einpflanzen. Alles hiervon könnte wahr sein, genau genommen besteht daran ja auch kein Zweifel. Wenn man wollte, könnte man hierzu die Beweise finden. Hildmann wird jedenfalls in den Kommentaren unter dem Video als wahrer Held gefeiert, der sich traut, die Wahrheit zu sagen. Das verschwörungsideologische Magazin Compact betitelt die Reaktionen von Hildmanns wirtschaftlichen Kooperationspartnern bezeichnenderweise als Hexenjagd, die gegen ihn in den Mainstream-Medien geführt würde. 

So paranoid die aggressiv vorgetragenen Ausführungen auch sein mögen, so würden die Erklärungen einer Verschwörungstheorie keine Akzeptanz finden, wenn sie nicht auf etwas Wahres rückbezogen blieben. Dabei verfehlen sie dieses Wahre selbstverständlich in ihrem fantastischen Inhalt und ihrer spektakulären Feindbildkonstruktion. Aber dennoch verweisen sie in ihrem Bezug auf eine bestimmte Gesellschaftsformation auf eben diese und ihre Widersprüche. Die alternativlosen Maßnahmen der abrupten Begrenzung und Neuorganisation des öffentlichen Lebens sowie der Fokus der medialen Berichterstattung auf das Wissen von Expertinnen und Experten lieferten den perfekten Ausgangspunkt für eine bestimmte Form von Verschwörungstheorien. Ebenso spielt die Furcht vor einer übermäßigen Kontrolle durch Überwachungs- und Monitoring-Technologie, wie beispielsweise einer COVID-19 Tracking-App, eine entscheidende Rolle. Paranoid gesteigert sind es die Nano-Chips, die bei der Impfung heimlich in den Körper geschleust werden. Am Ende birgt die COVID-19 Pandemie jedoch durchaus das Potenzial, dass sich die subtilen und flexiblen Überwachungsmaßnahmen einer Kontrollgesellschaft, wie Gilles Deleuz sie bereits 1990 beschrieb, verschärfen.[15] Im Prinzip bin ich selbst, in meinem Home Office vor einem Laptop, in dem mein ganzes Leben zusammenfließt, über den ich mir gleich ein Mittagessen von einem empfohlenen Restaurant über einen Lieferdienst bestellen werden, dessen Kalorien ich in eine Fitness-App eingebe, bevor ich mich im nächsten Zoom-Meeting quer über die Nation zusammenschalte, das perfekte, hochgradig flexibel, kreativ konsumierende Subjekt dieser Kontrollgesellschaft. Mein quantifiziertes Selbst ist in ständiger, mess- und kontrollierbarer Modulation begriffen, die sich vorzüglich vermarkten lässt – alles von zuhause aus. Während die Pest die Pandemie der Disziplinargesellschaft war, die im Gegensatz zu den Strafen und Grenzziehungen zur feudalen Souveränitätsgesellschaft die Orientierungslinie nach Innen verlagerte und an der Disziplin und einem normativen Durchschnitt ausrichtete,[16] scheint COVID-19 nun die Pandemie zu sein, die den Übergang in eine Kontrollgesellschaft vollendet, in der die normative Grenzlinie sich in eine modulierbare Welle verwandelt. Die lückenlose Überwachung führt nicht mehr zu einer inneren Disziplin der Subjekte, sondern zu einer Kontrolle eines ständigen Flusses von Interaktionen und Verknüpfungen, der maßgeblich von profitorientierten Unternehmen beeinflusst wird.

Wenn man in den Verschwörungstheorien immer noch das Spiegelbild einer Gesellschaft erkennen kann, in dem besonders deutlich die Widersprüche zu Tage treten, so begehen sie jedoch einen schweren Fehler, der sie endgültig von dieser Gesellschaft trennt. Anstatt die strukturelle Effekte und Probleme zu erkennen, die von der Digitalisierung und Flexibilisierung der Arbeitswelt verursacht wurden, von der Ohnmacht nationaler Regierungen, globalen Problemen zu begegnen, vom Klimawandel, vom Artensterben und von Migrationsbewegungen, die alle mit der Globalisierung der industriellen Produktionsweise und des kapitalistischen Profitstrebens zusammenhängen, die schlussendlich für den Ausbruch des Virus verantwortlich sind (und vor denen wissenschaftliche Expertinnen und Experten schon lange warnen, ohne dass auf sie gehört würde), imaginieren Verschwörungstheorien sinistere Gründe für diese Effekte, dunkle Mächte, die für alles Böse in der Welt verantwortlich sind. Zufälle, unvorhersehbare Konsequenzen, unbewusste Handlungen und Kontingenz können keine Gründe sein, keine Erklärungen liefern. Sie ertragen nicht, dass aus dem Abgrund, dem Nicht-Grund, niemand zurückblickt. 

Dieser Fehler birgt jedoch eine enorme Gefahr. Zum einen gilt für Verschwörungstheorien, was ebenso für Fake News und Alternative Fakten gilt: sie lassen keine andere Ausdeutung der Welt als die eigene zu, keine Alternative neben sich selbst gelten. Sie beanspruchen eine Faktizität, die sich um keine Beweisführung mehr kümmern braucht. Sie interessieren sich nicht für die eigene Widerlegung, weil diese dem eigenen Welt- und Selbstbild als allein andersdenkend widerspricht. Moderne Verschwörungstheorien sind ihrer Struktur nach als unwiderlegbar angelegt. Jeder Gegenbeweis und jede faktische Widerlegung bestätigen nur die Übermacht und die Kontrolle der dunklen Mächte im Hintergrund sowie die eigene Überzeugung. Was hierbei von den Verschwörungstheorien diskreditiert wird, ist nicht nur die argumentative Beweisführung der Gegenseite, sondern das Prinzip des Streits um die Wahrheit, jegliche diskursive Beweisführung überhaupt.[17] Ihrer Struktur nach isolieren Verschwörungstheorien die Gläubigen zu einer homogenen Gruppe, mit der es keine Möglichkeit des Dialogs mehr von außen gibt. Genau in diese Kerbe schlägt auch die zweite Gefahr, in der sich Verschwörungstheorien mit dem Populismus überschneiden. Die Feindbildkonstruktion der Verschwörungstheorie erzeugt die eindeutige Bestimmung eines (meist nationalen) Wir, eine Bestimmung der Guten, die von diesem Feind, dem Sie, den bösen globalen Eliten bedroht werden. Die Welt wird in Gut und Böse eingeteilt und alleine die Verschwörungstheoretiker vermögen zu erkennen und zu bestimmen, wer zu welcher Seite gehört. Die klare Unterscheidung zwischen Freund und Feind verkürzt Politik auf diese Konfrontation, wobei die Konstruktion dieses Wir die eigentlich politische Frage wäre. 

Was bleibt zu tun? Die erste Reaktion der öffentlich-rechtlichen Medien war, Kritik von autoritärem Expertentum mit wissenschaftlichen Fakten widerlegen zu wollen, und eine mediale Öffentlichkeit versuchte, dieses bereits stigmatisierte Wissen erneut zu diffamieren. Aber das Verspotten von Verschwörungstheorien und „aggressive“ Gegenbotschaften eben auch faktenbasierte, haben sich in der Vergangenheit als wenig effektiv erwiesen. Der direkte Angriff auf ein Weltbild, das essentieller Teil eines Selbstbildes ist, führt eher zu Abwehrreaktionen, welche die Verschwörungsideologien noch mehr verfestigen.[18] Vielmehr hat sich gezeigt, dass die Anregung zur Reflexion durch gezielte Fragen zur Entkräftung von Verschwörungstheorien beiträgt, was durchaus auch algorithmisch sowie nutzergeneriert in den Sozialen Medien zu Erfolgen führte.[19] Lassen sich durch einen geschärften Blick auf ihr Design diese bereits wirksamen Instrumente stärken sowie neue Wege finden, der Gefahr durch Verschwörungstheorien entgegenzutreten? Zumindest öffnet die Notwendigkeit der Provokation von Reflexion das Feld der Prävention von Radikalisierung für Ansätze aus dem Design und der Kunst, wie sie auch in der Ausstellung Making Crises Visible zu finden waren.

[1] Julia Klaus, »Corona-Verbotsgegner. Wer hinter ›Widerstand 2020‹ steckt«, Mai 2020, online abrufbar unter:

https://www.zdf.de/nachrichten/politik/coronavirus-widerstand2020-partei-100.html (Letzter Aufruf: 24.05.2020)

[2]  Juliane Wetzel, »Verschwörungstheorien«, In: Wolfgang Benz (Hg.), Handbuch des Antisemitismus. Band 3: Begriffe, Ideologien, Theorien, Berlin 2008, S. 335-337.

[3]  Michael Butter, »Nichts ist wie es scheint«. Über Verschwörungstheorien, Berlin 2018, S. 22. 

[4]  Dieter Groh, »Die verschwörungstheoretische Versuchung oder: Why do bad things happen to good people?«, in: ders., Anthropologische Dimensionen der Geschichte, Frankfurt am Main 1992, S. 267-304.

[5]  Zusätzlich zu der Differenzierung »von oben« und »von unten« führt Butter noch die oft nicht eindeutig feststellbare Trennung einer Bedrohung »von innen« oder »von außen« ein. Vgl. Michael Butter, »Nichts ist wie es scheint«, a.a. O., S. 21.

[6]  Ebd., S. 140.

[7]  Vgl. ebd. S. 150.

[8]  Paul Boyer, Stephen Nissenbaum, Salem Possessed. The Social Origins of Witchcraft, Cambridge 1974.

[9]  Vgl. Mercedes Bunz, „Facebook oder die Verschwörung der Freundschaft“, in: WestEnd Heft 1|2, 2012, S. 70-71.

[10]  Vgl. Eva Illouz, Gefühle in Zeiten des Kapitalismus, Frankfurt am Main 2012. S. 12.

[11]  Vgl. Eli Pariser,The Filter Bubble. What the Internet Is Hiding from You, New York 2011.

[12]  Vgl. Shoshana Zuboff, Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus, New York, Frankfurt am Main 2018, S. 90.

[13]  Vgl. Michale Butter, »Nichts ist, wie es scheint«, a. a. O., S. 17.

[14]  Vgl. Theodor W. Adorno, Bemerkungen zu ›The Authoritarian Personality‹, Berlin 2019.

[15]  Vgl. Gilles Deleuze, »Postskriptum über die Kontrollgesellschaften«, in: Menke, Christoph; Menke, Rebentisch, Juliane (Hg.), Kreation und Depression. Freiheit im gegenwärtigen Kapitalismus, Berlin 2012, S. 11-17.

[16]  Vgl. Michel Foucault, Überwachen und Strafen, Frankfurt am Main, 1976.

[17]  Für die Konsequenzen, die dies für den Streit um die Wahrheit hätte, vgl. Juliane Rebentisch, »Lessings Unruhe. Der Streit um die Wahrheit und seine Bestreitung«, Soziopolis (2018), online abrufbar unter: https://soziopolis.de/verstehen/wie-spricht-die-wissenschaft/artikel/lessings-unruhe (letzter Zugriff: 18.11.2019).

[18] Gábor Orosz et al., “Changing conspiracy beliefs through rationality and ridiculing”, Frontiers in Psychology, 7:1525, 2016. Sowie Josephine Schmitt et al., “Critical media literacy and islamist online propaganda: the feasibility, applicability and impact of three learning arrangements”, International Journal of Conflict and Violence, Vol. 12, 2018.

[19] Leticia Bode, Emily K Vraga, “See something, say something: Correction of global health misinformation on social media”, Health Communication, 33, 2018, S. 1131-1140.